Infiltrationstherapie bei Cluster-Kopfschmerz: Unterschied zwischen den Versionen
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[[Bild:NOM_Gray800.png |thumb|300px|Hinterkopf des Menschen mit Nervus occipitalis major (''Great occipital nerve'')]] | {{Auf einen Blick|geprüft=25. September 2026| | ||
* '''Was gemacht wird:''' Die Ärztin oder der Arzt spritzt ein Kortison-Präparat an den Hinterkopf, meist zusammen mit einem örtlichen Betäubungsmittel. Die Spritze kommt in die Nähe des großen Hinterhauptnervs (''Nervus occipitalis major''), in der Regel auf der Seite des Schmerzes. Fachleute sagen '''okzipitale Nervenblockade''', auch GON-Blockade oder GON-Infiltration. GON steht für englisch ''greater occipital nerve'' ([[#Durchführung, Wirkung und Nebenwirkungen|Durchführung]]). | |||
* '''Wofür und wie gut:''' Die Spritze kann die Attacken eine Zeit lang seltener machen oder ganz unterbrechen. Die europäische Leitlinie von 2023 empfiehlt sie als Ergänzung zu den vorbeugenden Medikamenten, um die Zeit zu überbrücken, bis [[Verapamil]] wirkt. Die Leitlinie nennt eine Wirkung bei 70 bis 80 von 100 Behandelten. Zwei kleine Studien verglichen die Spritze mit einer Scheinbehandlung. Sie fanden eine deutliche Wirkung ([[#2005 Ambrosini|2005]], [[#2011 Leroux|2011]]). | |||
* '''Wie lange sie hält:''' Die Wirkung setzt oft schon am nächsten Tag ein. Sie hält einige Tage bis mehrere Wochen. Bei episodischem Verlauf hält sie länger als bei chronischem. Wirkt die Spritze, kann man sie wiederholen. Wegen des Kortisons geht das aber nur einige Male im Jahr. | |||
* '''Nebenwirkungen''' sind meist leicht und gehen vorüber. Beispiele sind Schmerzen an der Einstichstelle, Nackenschmerzen oder Schwindel. Durch das Kortison können an der Einstichstelle auch Haare ausfallen. Auch die Haut kann dort dünner werden. | |||
* '''Nicht verwechseln''' mit der [[Okzipitale Nervenstimulation|okzipitalen Nervenstimulation]]. Dabei wird dieser Nerv elektrisch gereizt. Die europäische Leitlinie empfiehlt das wegen der Nebenwirkungen nicht. | |||
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[[Bild:NOM_Gray800.png |alt=Anatomische Zeichnung von Hinterkopf und Nacken von hinten mit den Nerven, englisch beschriftet, darunter der große Hinterhauptnerv.|thumb|300px|Hinterkopf des Menschen mit Nervus occipitalis major (''Great occipital nerve'')]] | |||
Bei einer '''Infiltrationstherapie''' gegen Cluster-Kopfschmerz bekommt man in der Regel eine Spritze am Hinterkopf, mit Kortison, einem Mittel zur örtlichen Betäubung oder beidem. Die Spritze kommt in die Nähe eines Nervs, meist auf der Seite des Schmerzes. Dieser Nerv heißt großer Hinterhauptnerv. | |||
Fachwörter: Kortison-Präparate heißen auch [[Corticosteroide]], Mittel zur örtlichen Betäubung [https://de.wikipedia.org/wiki/Lokalanästhetikum Lokalanästhetika]. Der große Hinterhauptnerv heißt [[Nervus occipitalis major]]. Andere Bezeichnungen: '''okzipitale Nervenblockade''' (auch Okzipitalisblockade oder Okzipitalnervenblockade), Blockade des Nervus occipitalis major, Blockade des großen Okzipitalnervs (GON), GON-Block, GON-Blockade, GON-Infiltration, Suboccipitale Injektion, Subokzipitale Injektion, engl.: Greater occipital nerve (GON) block(ade), suboccipital injection, greater occipital nerve infiltration. | |||
== Geschichte == | |||
Einflüsse aus dem Nackenbereich werden schon lange mit verschiedenen Kopfschmerzformen in Zusammenhang gebracht.<ref name="AF06">Afridi SK, Shields KG, Bhola R, Goadsby PJ.: Greater occipital nerve injection in primary headache syndromes - prolonged effects from a single injection. ''Pain.'' 2006 May; '''122'''(1-2): 126-9. Epub 2006 Mar 9. PMID 16527404, [https://doi.org/10.1016/j.pain.2006.01.016 DOI].</ref> Bereits 1940 behandelte Samuel Bernard Hadden "Neuralgische Kopfschmerzen und Gesichtsschmerzen" durch [https://de.wikipedia.org/wiki/Procain Procain] Injektionen in den Hinterkopf.<ref name="AF06"/><ref>Hadden S.: Neuralgic headache and facial pain. ''Arch Neurol Psychiatr.'' 1940; '''43''': 405–8.</ref> | Einflüsse aus dem Nackenbereich werden schon lange mit verschiedenen Kopfschmerzformen in Zusammenhang gebracht.<ref name="AF06">Afridi SK, Shields KG, Bhola R, Goadsby PJ.: Greater occipital nerve injection in primary headache syndromes - prolonged effects from a single injection. ''Pain.'' 2006 May; '''122'''(1-2): 126-9. Epub 2006 Mar 9. PMID 16527404, [https://doi.org/10.1016/j.pain.2006.01.016 DOI].</ref> Bereits 1940 behandelte Samuel Bernard Hadden "Neuralgische Kopfschmerzen und Gesichtsschmerzen" durch [https://de.wikipedia.org/wiki/Procain Procain] Injektionen in den Hinterkopf.<ref name="AF06"/><ref>Hadden S.: Neuralgic headache and facial pain. ''Arch Neurol Psychiatr.'' 1940; '''43''': 405–8.</ref> | ||
== Durchführung, Wirkung und Nebenwirkungen == | |||
'''Durchführung:''' Gespritzt wird am Hinterkopf im Bereich des großen Hinterhauptnervs, meist nur auf der Seite des Schmerzes. In einer Beobachtungsstudie mit 101 Betroffenen wurde 1 cm unterhalb einer gedachten Linie eingestochen, die vom Knochenhöcker in der Mitte des Hinterkopfs zum Knochenvorsprung hinter dem Ohr (Warzenfortsatz) reicht: nach einem Drittel der Strecke für den großen und nach zwei Dritteln für den kleinen Hinterhauptnerv, jeweils bis die Nadel den Knochen berührte. An jeder der beiden Einstichstellen wurden 2 ml gespritzt: 10 mg des Kortisons Triamcinolon, in 1 ml Kochsalzlösung gelöst, und 1 ml des Betäubungsmittels Bupivacain (0,5-prozentig).<ref name="GAUL2017">Gaul C, Roguski J, Dresler T, Abbas H, Totzeck A, Görlinger K, Diener HC, Weber R: Efficacy and safety of a single occipital nerve blockade in episodic and chronic cluster headache: A prospective observational study. ''Cephalalgia.'' 2017; '''37'''(9): 873-880. PMID 27313215. [https://doi.org/10.1177/0333102416654886 DOI]</ref> Welche Mischung die europäische Leitlinie nennt, steht in der [[#Zusammenfassung|Zusammenfassung]]. Ob Spritzen auf beiden Seiten besser wirken, lässt sich laut Leitlinie nicht sagen, weil es dazu keine Daten gibt.<ref name="EAN2023VT"/> Mit Ultraschall lässt sich der Nerv genauer treffen (siehe [[#Ultraschallkontrolle|Ultraschallkontrolle]]). | |||
'''Wirkung und Wirkdauer:''' Die europäische Leitlinie empfiehlt die Blockade. Wenn sie wirkt, kann sie wiederholt werden.<ref name="EAN2023"/> In der genannten Beobachtungsstudie hatten die Betroffenen Attacken, die mit der üblichen Behandlung nicht ausreichend beherrscht waren. Nach einer einzigen Spritze sprachen 84 von 101 (83 %) ganz oder teilweise an. Ganz ansprechen hieß: mehr als 24 Stunden ohne Attacke. Teilweise ansprechen hieß: Häufigkeit, Dauer und Stärke der Attacken nahmen mindestens um die Hälfte ab. Die Zahl der Attacken pro Tag sank schon am ersten Tag deutlich, bei episodischem Verlauf im Mittel von 2,9 auf 0,7, bei chronischem von 3,3 auf 1,1. Die Wirkung hielt zwischen einem und 60 Tagen an (länger wurde nicht nachbeobachtet), im Mittel 27 Tage; der Median, also der mittlere Wert, lag bei 14 Tagen. Bei episodischem Verlauf dauerte die schmerzfreie Zeit im Mittel 34 Tage, bei chronischem 14 Tage.<ref name="GAUL2017"/> | |||
'''Nebenwirkungen:''' In derselben Studie berichteten 11 der 101 Behandelten von Nebenwirkungen, darunter Müdigkeit, Schmerz oder Druck an der Einstichstelle und eine Verspannung der Muskeln am Hinterkopf. Schwerwiegende Nebenwirkungen traten nicht auf.<ref name="GAUL2017"/> In anderen Studien kamen eine empfindliche oder schmerzende Einstichstelle, Nackenschmerzen und Schwindel am häufigsten vor (siehe [[#2010 Matharu|2010 Matharu]] und [[#2011 Leroux|2011 Leroux]]). Durch das Kortison können an der Einstichstelle Haare ausfallen, und die Haut kann dünner werden. Außerdem sind die bekannten Nebenwirkungen von Kortison möglich, etwa Schlafstörungen, ein erhöhter Blutzucker (vor allem bei Diabetes) und Stimmungsschwankungen. Deshalb wird die Spritze nur einige Male im Jahr gegeben.<ref name="PENG2023">Peng KP, Burish MJ: Management of cluster headache: Treatments and their mechanisms. ''Cephalalgia.'' 2023; '''43'''(8). [https://doi.org/10.1177/03331024231196808 DOI]</ref> | |||
Nachfolgend Zusammenfassungen einiger Studien und Berichte über die Infiltrationsbehandlung des großen Hinterhauptnervs bei Cluster-Kopfschmerz: | Nachfolgend Zusammenfassungen einiger Studien und Berichte über die Infiltrationsbehandlung des großen Hinterhauptnervs bei Cluster-Kopfschmerz: | ||
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== 1986 Anthony == | == 1986 Anthony == | ||
[[Bild:GON Block1.jpg|thumb|300px| Injektion im Bereich des großen Hinterhauptnervs]] | [[Bild:GON Block1.jpg|alt=Ein Arzt setzt einer vornübergebeugten Person eine Spritze am Hinterkopf; mit der anderen Hand hält er die Haare zur Seite.|thumb|300px| Injektion im Bereich des großen Hinterhauptnervs]] | ||
Zwei Jahre später folgt ein weiterer Bericht von Michael Anthony.<ref>Anthony M.: The role of the occipital nerve in unilateral headache. In: Rose, Frank Clifford (ed.): ''Advances in headache research.'' Proceedings of the 6th International Migraine Symposium 1986; London UK. John Libbey & Co Ltd, 1987: 257-62. ISBN 0-86196-097-1.</ref> Die Vorgehensweise war wie bereits 1984 beschrieben, jedoch wurde 160 mg Depo-Medrol® injiziert. Behandelt wurden 20 Patienten mit einseitiger Migräne, 20 Patienten mit [https://www.ihs-klassifikation.de/de/02_klassifikation/04_teil3/13.08.00_facialpain.html Okzipitalisneuralgie] und 20 CCH Patienten. | Zwei Jahre später folgt ein weiterer Bericht von Michael Anthony.<ref>Anthony M.: The role of the occipital nerve in unilateral headache. In: Rose, Frank Clifford (ed.): ''Advances in headache research.'' Proceedings of the 6th International Migraine Symposium 1986; London UK. John Libbey & Co Ltd, 1987: 257-62. ISBN 0-86196-097-1.</ref> Die Vorgehensweise war wie bereits 1984 beschrieben, jedoch wurde 160 mg Depo-Medrol® injiziert. Behandelt wurden 20 Patienten mit einseitiger Migräne, 20 Patienten mit [https://www.ihs-klassifikation.de/de/02_klassifikation/04_teil3/13.08.00_facialpain.html Okzipitalisneuralgie] und 20 CCH Patienten. | ||
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== 2002 Peres == | == 2002 Peres == | ||
Behandelt wurden 14 Patienten, zwölf Männer und zwei Frauen, fünf an der chronischen und neun an der episodischen Verlaufsform erkrankt. Es wurde [https://de.wikipedia.org/wiki/Lidocain Lidocain] (1%, 3 ml) und das [https://de.wikipedia.org/wiki/Glucocorticoide Glucocorticoid] [https://en.wikipedia.org/wiki/Triamcinolone Triamcinolon (en)] (40 mg) in den Bereich des Hinterhauptnervs auf der schmerzbetroffenen Kopfseite injiziert. Bei zwei Patienten wurden die Episoden beendet, vermutete Restdauer der Episoden waren 14 bzw. 21 Tage. Zwei weitere ECH Patienten hatten nach der Behandlung nur noch je eine Attacke, drei bzw. fünf Tage nach der Injektion. Ein ECH Patient wurde für vier Tage schmerzfrei zwei weitere für zwei Tage. Diese drei Patienten erfuhren nachfolgend eine Verbesserung in Schmerzstärke und Attackenfrequenz. Bei drei der ECH Patienten wurde keine Verbesserung festgestellt. CCH: Die beiden Frauen hatten nach der Behandlung keine Schmerzfreiheit, jedoch eine Verbesserung der Attackenhäufigkeit von fünf auf eine bzw. von drei auf zwei Attacken/Tag und eine Verringerung der [[Schmerzskala#Numerische_Rating_Skala|Schmerzstärke (NRS)]] von 10 auf 6 bzw. 7. Ein CCH Patient war für drei Tage schmerzfrei, auch bei ihm reduzierte sich nach der Behandlung die Anzahl der Attacken von vorher fünf auf nachher eine Attacke pro Tag. Zwei weitere CCH Patienten wurden für mehr als 60 Tage schmerzfrei. Vier der 14 Patienten hatten nach der Injektion auch eine zum Teil deutliche Reduzierung der Attackendauer. Die Behandlung wurde sehr gut vertragen, Nebenwirkungen oder Komplikationen traten nicht auf.<ref>Peres MF, Stiles MA, Siow HC, Rozen TD, Young WB, Silberstein SD.: Greater occipital nerve blockade for cluster headache. ''Cephalalgia.'' 2002 Sep; '''22'''(7): 520-2. PMID 12230593, [https://doi.org/10.1046/j.1468-2982.2002.00410.x DOI]. Comments in: ''Cephalalgia.'' 2003 May; '''23'''(4): 323; PMID 12716355, ''Cephalalgia.'' 2004 Mar; '''24'''(3): 239. PMID 15009021.</ref> | Behandelt wurden 14 Patienten, zwölf Männer und zwei Frauen, fünf an der chronischen und neun an der episodischen Verlaufsform erkrankt. Es wurde [https://de.wikipedia.org/wiki/Lidocain Lidocain] (1%, 3 ml) und das [https://de.wikipedia.org/wiki/Glucocorticoide Glucocorticoid] [https://en.wikipedia.org/wiki/Triamcinolone Triamcinolon (en)] (40 mg) in den Bereich des Hinterhauptnervs auf der schmerzbetroffenen Kopfseite injiziert. Bei zwei Patienten wurden die Episoden beendet, vermutete Restdauer der Episoden waren 14 bzw. 21 Tage. Zwei weitere ECH Patienten hatten nach der Behandlung nur noch je eine Attacke, drei bzw. fünf Tage nach der Injektion. | ||
Ein ECH Patient wurde für vier Tage schmerzfrei zwei weitere für zwei Tage. Diese drei Patienten erfuhren nachfolgend eine Verbesserung in Schmerzstärke und Attackenfrequenz. Bei drei der ECH Patienten wurde keine Verbesserung festgestellt. | |||
CCH: Die beiden Frauen hatten nach der Behandlung keine Schmerzfreiheit, jedoch eine Verbesserung der Attackenhäufigkeit von fünf auf eine bzw. von drei auf zwei Attacken/Tag und eine Verringerung der [[Schmerzskala#Numerische_Rating_Skala|Schmerzstärke (NRS)]] von 10 auf 6 bzw. 7. Ein CCH Patient war für drei Tage schmerzfrei, auch bei ihm reduzierte sich nach der Behandlung die Anzahl der Attacken von vorher fünf auf nachher eine Attacke pro Tag. Zwei weitere CCH Patienten wurden für mehr als 60 Tage schmerzfrei. Vier der 14 Patienten hatten nach der Injektion auch eine zum Teil deutliche Reduzierung der Attackendauer. Die Behandlung wurde sehr gut vertragen, Nebenwirkungen oder Komplikationen traten nicht auf.<ref>Peres MF, Stiles MA, Siow HC, Rozen TD, Young WB, Silberstein SD.: Greater occipital nerve blockade for cluster headache. ''Cephalalgia.'' 2002 Sep; '''22'''(7): 520-2. PMID 12230593, [https://doi.org/10.1046/j.1468-2982.2002.00410.x DOI]. Comments in: ''Cephalalgia.'' 2003 May; '''23'''(4): 323; PMID 12716355, ''Cephalalgia.'' 2004 Mar; '''24'''(3): 239. PMID 15009021.</ref> | |||
== 2005 Ambrosini == | == 2005 Ambrosini == | ||
Die Autoren untersuchten in dieser prospektiven, multizentrischen, randomisierten, placebokontrollierten und doppelblinden Studie, ob die subokzipitale Injektion einer Mischung von lange wirksamen und schnell wirksamen Corticosteroiden einen positiven Effekt auf den Cluster-Kopfschmerz hat. Hierzu schlossen sie 16 episodische und sieben chronische Cluster-Kopfschmerzpatienten ein, wobei die Patienten mit episodischem Cluster-Kopfschmerz nur maximal eine Woche in der neuen Episode sein durften. Auf der betroffenen Seite wurde eine Mischung aus [https://de.wikipedia.org/wiki/Betamethason Betamethason] (Betamethasondipropionat 12,46 mg + Betamethasondisodiumphosphat 5,26 mg) und [https://de.wikipedia.org/wiki/Lidocain Lidocain] (0,5 ml, 2 %) oder Kochsalzlösung als Placebo injiziert. Elf der dreizehn Patienten der Verumgruppe, davon drei chronische Cluster-Kopfschmerzpatienten, wurden in der Woche nach der Injektion schmerzfrei. Kein Patient der Placebogruppe wurde schmerzfrei. Von diesen elf Patienten blieben acht für weitere vier Wochen schmerzfrei. Zwei Patienten hatten vorübergehende Schmerzen an der Injektionsstelle, ansonsten traten keine Nebenwirkungen auf.<ref name="AMBRO">Ambrosini A, Vandenheede M, Rossi P, Aloj F, Sauli E, Pierelli F, Schoenen J.: Suboccipital injection with a mixture of rapid- and long-acting steroids in cluster headache: a double-blind placebo-controlled study. ''Pain.'' 2005 Nov;'''118'''(1-2):92-6. Epub 2005 Oct 3. PMID 16202532, [https://doi.org/10.1016/j.pain.2005.07.015 DOI], [https://www.painjournalonline.com/article/PIIS030439590500374X/abstract PAIN abstract.] Comment in: ''Pain.'' 2006 Apr; '''121'''(3):281-2; PMID 16513278, [https://doi.org/10.1016/j.pain.2006.01.005 DOI], [http://download.journals.elsevierhealth.com/pdfs/journals/0304-3959/PIIS0304395906000194.pdf PDF-Datei] Kommentar in der DMKG Kopfschmerz-News 2/2006, Seite 44: [https://web.archive.org/web/20160319000259/http://www.kopfschmerz-news.de/pdf/ksn2-2006.pdf PDF-Datei]</ref> | Die Autoren untersuchten in dieser prospektiven, multizentrischen, randomisierten, placebokontrollierten und doppelblinden Studie, ob die subokzipitale Injektion einer Mischung von lange wirksamen und schnell wirksamen Corticosteroiden einen positiven Effekt auf den Cluster-Kopfschmerz hat. Hierzu schlossen sie 16 episodische und sieben chronische Cluster-Kopfschmerzpatienten ein, wobei die Patienten mit episodischem Cluster-Kopfschmerz nur maximal eine Woche in der neuen Episode sein durften. | ||
Auf der betroffenen Seite wurde eine Mischung aus [https://de.wikipedia.org/wiki/Betamethason Betamethason] (Betamethasondipropionat 12,46 mg + Betamethasondisodiumphosphat 5,26 mg) und [https://de.wikipedia.org/wiki/Lidocain Lidocain] (0,5 ml, 2 %) oder Kochsalzlösung als Placebo injiziert. Elf der dreizehn Patienten der Verumgruppe, davon drei chronische Cluster-Kopfschmerzpatienten, wurden in der Woche nach der Injektion schmerzfrei. Kein Patient der Placebogruppe wurde schmerzfrei. Von diesen elf Patienten blieben acht für weitere vier Wochen schmerzfrei. Zwei Patienten hatten vorübergehende Schmerzen an der Injektionsstelle, ansonsten traten keine Nebenwirkungen auf.<ref name="AMBRO">Ambrosini A, Vandenheede M, Rossi P, Aloj F, Sauli E, Pierelli F, Schoenen J.: Suboccipital injection with a mixture of rapid- and long-acting steroids in cluster headache: a double-blind placebo-controlled study. ''Pain.'' 2005 Nov;'''118'''(1-2):92-6. Epub 2005 Oct 3. PMID 16202532, [https://doi.org/10.1016/j.pain.2005.07.015 DOI], [https://www.painjournalonline.com/article/PIIS030439590500374X/abstract PAIN abstract.] Comment in: ''Pain.'' 2006 Apr; '''121'''(3):281-2; PMID 16513278, [https://doi.org/10.1016/j.pain.2006.01.005 DOI], [http://download.journals.elsevierhealth.com/pdfs/journals/0304-3959/PIIS0304395906000194.pdf PDF-Datei] Kommentar in der DMKG Kopfschmerz-News 2/2006, Seite 44: [https://web.archive.org/web/20160319000259/http://www.kopfschmerz-news.de/pdf/ksn2-2006.pdf PDF-Datei]</ref> | |||
== 2006 Afridi == | == 2006 Afridi == | ||
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== Ultraschallkontrolle == | == Ultraschallkontrolle == | ||
[[Bild:GON Block US.jpg|thumb|center|500px| | [[Bild:GON Block US.jpg|alt=Ein Arzt mit Mundschutz hält einen Ultraschallkopf an den Hinterkopf einer liegenden Person, im Hintergrund der Ultraschallbildschirm.|thumb|center|500px| | ||
Mit Hilfe der Ultraschallkontrolle kann der exakte Verlauf des großen Hinterhauptnervs ([[Nervus occipitalis major]]) festgestellt und damit die Treffgenauigkeit der Injektion verbessert werden.<ref>{{cite journal |author=Greher M, Moriggl B, Curatolo M, Kirchmair L, Eichenberger U |title=Sonographic visualization and ultrasound-guided blockade of the greater occipital nerve: a comparison of two selective techniques confirmed by anatomical dissection |journal=Br J Anaesth |volume= |issue= |pages= |year=2010 |month=March |pmid=20299347 |doi=10.1093/bja/aeq052 |url=}}</ref>]] | Mit Hilfe der Ultraschallkontrolle kann der exakte Verlauf des großen Hinterhauptnervs ([[Nervus occipitalis major]]) festgestellt und damit die Treffgenauigkeit der Injektion verbessert werden.<ref>{{cite journal |author=Greher M, Moriggl B, Curatolo M, Kirchmair L, Eichenberger U |title=Sonographic visualization and ultrasound-guided blockade of the greater occipital nerve: a comparison of two selective techniques confirmed by anatomical dissection |journal=Br J Anaesth |volume= |issue= |pages= |year=2010 |month=March |pmid=20299347 |doi=10.1093/bja/aeq052 |url=}}</ref>]] | ||
== Einzelfallberichte == | == Einzelfallberichte == | ||
'''2006 Scattoni et al.:''' Ein ECH Patient, Alter 44 Jahre, hatte von Mai bis September 2004 täglich mehrfach sehr starke Attacken. Die Behandlung mit Methylprednisolon (2 x 16mg/Tag) und [[Valproinsäure]] (500mg/Tag) zeigte keinen Erfolg. Ebenso wirkungslos war die Akutbehandlung mit [[Sauerstoff]], [https://de.wikipedia.org/wiki/Indometacin Indomethacin] (50 mg) und [[Rizatriptan]]. Auch [[Sumatriptan]] subkutan war seit Ende Mai 2004 wirkungslos. Nach der ipsilateralen GON-Blockade mit Lidocain 2% (5 ml) und Betamethason (2 mg) während einer Attacke wurde der Patient innerhalb weniger Minuten schmerzfrei. Es traten keine Nebenwirkungen auf. Die vorbeugende Medikation wurde weiter fortgesetzt. Einen Monat später berichtete der Patient von erheblicher Verbesserung der Attackenfrequenz und der Schmerzstärke von vormals 10 auf 1-2 [[Schmerzskala#Numerische_Rating_Skala|(NRS)]]. Daraufhin wurde die vorbeugende Medikation langsam beendet. Ein Jahr danach (September 2005) war der Patient weiterhin schmerzfrei.<ref>Scattoni L, Di Stani F, Villani V, Dugoni D, Mostardini C, Reale C, Cerbo R.: Great occipital nerve blockade for cluster headache in the emergency department: case report. ''J Headache Pain.'' 2006 Apr; '''7'''(2): 98-100. PMID 16688413, [https://doi.org/10.1007/s10194-006-0283-5 DOI].</ref> | '''2006 Scattoni et al.:''' Ein ECH Patient, Alter 44 Jahre, hatte von Mai bis September 2004 täglich mehrfach sehr starke Attacken. Die Behandlung mit Methylprednisolon (2 x 16mg/Tag) und [[Valproinsäure]] (500mg/Tag) zeigte keinen Erfolg. Ebenso wirkungslos war die Akutbehandlung mit [[Sauerstoff]], [https://de.wikipedia.org/wiki/Indometacin Indomethacin] (50 mg) und [[Rizatriptan]]. Auch [[Sumatriptan]] subkutan war seit Ende Mai 2004 wirkungslos. | ||
Nach der ipsilateralen GON-Blockade mit Lidocain 2% (5 ml) und Betamethason (2 mg) während einer Attacke wurde der Patient innerhalb weniger Minuten schmerzfrei. Es traten keine Nebenwirkungen auf. Die vorbeugende Medikation wurde weiter fortgesetzt. Einen Monat später berichtete der Patient von erheblicher Verbesserung der Attackenfrequenz und der Schmerzstärke von vormals 10 auf 1-2 [[Schmerzskala#Numerische_Rating_Skala|(NRS)]]. Daraufhin wurde die vorbeugende Medikation langsam beendet. Ein Jahr danach (September 2005) war der Patient weiterhin schmerzfrei.<ref>Scattoni L, Di Stani F, Villani V, Dugoni D, Mostardini C, Reale C, Cerbo R.: Great occipital nerve blockade for cluster headache in the emergency department: case report. ''J Headache Pain.'' 2006 Apr; '''7'''(2): 98-100. PMID 16688413, [https://doi.org/10.1007/s10194-006-0283-5 DOI].</ref> | |||
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''Verlauf bei Patient Nr. 1:'' Die im Vorfeld durchgeführte Prophylaxe mit [[Lithium]] (nach Spiegel), Valproat (nach Spiegel) und Prednisolon (bis 250 mg/d) hatte keinen und die Einnahme von [[Melatonin]] (12 mg/d) einen nur geringen Effekt. Die Attackenfrequenz vor Durchführung der Injektion betrug durchschnittlich drei pro Tag. Leichte Attacken konnten mit reinem Sauerstoff und starke Attacken mit 6 mg Sumatriptan subcutan kupiert werden. Nach der subokzipitalen Injektion traten keine weiteren Clusterkopfschmerz-Attacken in dem Beobachtungszeitraum auf. Der Einsatz von reinem Sauerstoff oder Sumatriptan war somit seit der Injektion nicht mehr nötig. | ''Verlauf bei Patient Nr. 1:'' Die im Vorfeld durchgeführte Prophylaxe mit [[Lithium]] (nach Spiegel), Valproat (nach Spiegel) und Prednisolon (bis 250 mg/d) hatte keinen und die Einnahme von [[Melatonin]] (12 mg/d) einen nur geringen Effekt. Die Attackenfrequenz vor Durchführung der Injektion betrug durchschnittlich drei pro Tag. Leichte Attacken konnten mit reinem Sauerstoff und starke Attacken mit 6 mg Sumatriptan subcutan kupiert werden. Nach der subokzipitalen Injektion traten keine weiteren Clusterkopfschmerz-Attacken in dem Beobachtungszeitraum auf. Der Einsatz von reinem Sauerstoff oder Sumatriptan war somit seit der Injektion nicht mehr nötig. | ||
''Verlauf bei Patient Nr. 2:'' Die Prophylaxe aus Lithium (nach Spiegel), Valproat (nach Spiegel) und Prednisolon (bis 250 mg/d) hatte keinen und die Einnahme von Topiramat (150 mg/d) einen nur geringen Effekt. Die Attackenfrequenz vor Durchführung der Injektion betrug durchschnittlich fünf pro Tag. Leichte Attacken konnten mit reinem Sauerstoff kupiert werden, bei starken Attacken wurde anfangs 5 mg Zolmitriptan nasal eingesetzt, jedoch nach Auslösung eines [https://de.wikipedia.org/wiki/Akutes_Koronarsyndrom akuten Koronarsyndroms] auf 200 μg bis 400 μg [https://de.wikipedia.org/wiki/Fentanyl Fentanyl] in [https://de.wikipedia.org/wiki/Fentanyl#Anwendungsformen transmukosaler] Form (Actiq®) umgestellt, das vorübergehend täglich und mit schmerzreduzierendem Effekt verwendet wurde. Nach der subokzipitalen Injektion wurde über zwei Tage hinweg ein Sistieren der Kopfschmerzen beobachtet, gefolgt von erneuten, aber selteneren und deutlich leichteren Attacken, die nun immer mit Sauerstoff behandelbar waren. Transmukosales Fentanyl (Actiq®) musste nicht mehr verwendet werden. Die Wirkung hielt eine Woche lang, daher wurde bei diesem Patienten die Injektion in wöchentlichen Abständen wiederholt. | ''Verlauf bei Patient Nr. 2:'' Die Prophylaxe aus Lithium (nach Spiegel), Valproat (nach Spiegel) und Prednisolon (bis 250 mg/d) hatte keinen und die Einnahme von Topiramat (150 mg/d) einen nur geringen Effekt. Die Attackenfrequenz vor Durchführung der Injektion betrug durchschnittlich fünf pro Tag. Leichte Attacken konnten mit reinem Sauerstoff kupiert werden, bei starken Attacken wurde anfangs 5 mg Zolmitriptan nasal eingesetzt, jedoch nach Auslösung eines [https://de.wikipedia.org/wiki/Akutes_Koronarsyndrom akuten Koronarsyndroms] auf 200 μg bis 400 μg [https://de.wikipedia.org/wiki/Fentanyl Fentanyl] in [https://de.wikipedia.org/wiki/Fentanyl#Anwendungsformen transmukosaler] Form (Actiq®) umgestellt, das vorübergehend täglich und mit schmerzreduzierendem Effekt verwendet wurde. | ||
Nach der subokzipitalen Injektion wurde über zwei Tage hinweg ein Sistieren der Kopfschmerzen beobachtet, gefolgt von erneuten, aber selteneren und deutlich leichteren Attacken, die nun immer mit Sauerstoff behandelbar waren. Transmukosales Fentanyl (Actiq®) musste nicht mehr verwendet werden. Die Wirkung hielt eine Woche lang, daher wurde bei diesem Patienten die Injektion in wöchentlichen Abständen wiederholt. | |||
''Verlauf bei Patient Nr. 3:'' Die im Vorfeld durchgeführte Prophylaxe mit Lithium (nach Spiegel), Valproat (nach Spiegel) und Prednisolon (bis 250 mg/d) hatte keinen und die Einnahme von Verapamil (950 mg/d) einen nicht ausreichenden Effekt. Täglich traten vor Durchführung der Injektion durchschnittlich drei Attacken auf, meist davon eine Attacke tagsüber, bei der der Patient reinen Sauerstoff verwendete und zwei Attacken nachts, bei denen 6 mg Sumatriptan subkutan eingesetzt wurde. Nach der subokzipitalen Injektion trat nach einem Sistieren der Attacken über zwei Tage hinweg der Kopfschmerz mit reduzierter Attackenfrequenz (eine Attacke pro Tag) auf. Seitdem wurde im Durchschnitt einmal pro Tag Sumatriptan eingesetzt.<ref name="LANZ">Lanz S, Boujong D, Grießinger N, Sittl R, Ulrich K.: Suboccipitale Injektion von Corticosteroiden und Lokalanästhetika bei Clusterkopfschmerzen: Drei Kasuistiken. In: Deutscher Schmerzkongress 2007: Schmerz in Deutschland - Abstracts. Poster P8.10. ''Der Schmerz.'' 2007 Oct; '''21''' Sup.1: 105-6. [https://doi.org/10.1007/s00482-007-0588-6 DOI], [http://www.springer.com/cda/content/document/cda_downloaddocument/482_abstract_1_148_482.pdf PDF-Datei].</ref> | ''Verlauf bei Patient Nr. 3:'' Die im Vorfeld durchgeführte Prophylaxe mit Lithium (nach Spiegel), Valproat (nach Spiegel) und Prednisolon (bis 250 mg/d) hatte keinen und die Einnahme von Verapamil (950 mg/d) einen nicht ausreichenden Effekt. Täglich traten vor Durchführung der Injektion durchschnittlich drei Attacken auf, meist davon eine Attacke tagsüber, bei der der Patient reinen Sauerstoff verwendete und zwei Attacken nachts, bei denen 6 mg Sumatriptan subkutan eingesetzt wurde. Nach der subokzipitalen Injektion trat nach einem Sistieren der Attacken über zwei Tage hinweg der Kopfschmerz mit reduzierter Attackenfrequenz (eine Attacke pro Tag) auf. Seitdem wurde im Durchschnitt einmal pro Tag Sumatriptan eingesetzt.<ref name="LANZ">Lanz S, Boujong D, Grießinger N, Sittl R, Ulrich K.: Suboccipitale Injektion von Corticosteroiden und Lokalanästhetika bei Clusterkopfschmerzen: Drei Kasuistiken. In: Deutscher Schmerzkongress 2007: Schmerz in Deutschland - Abstracts. Poster P8.10. ''Der Schmerz.'' 2007 Oct; '''21''' Sup.1: 105-6. [https://doi.org/10.1007/s00482-007-0588-6 DOI], [http://www.springer.com/cda/content/document/cda_downloaddocument/482_abstract_1_148_482.pdf PDF-Datei].</ref> | ||
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Die Patienten erhielten dreimal im Abstand von 48 bis 72 Stunden eine subokzipitale Injektion, entweder mit 3,75 mg Cortivazol oder mit einem Scheinmedikament. Die Injektion kam jeweils zusätzlich zur laufenden Behandlung: bei episodischem Verlauf zusätzlich zu [[Verapamil]] in Tablettenform, bei chronischem Verlauf zusätzlich zur bestehenden Vorbeugung. Die Injektionen setzten Ärzte, die wussten, was sie spritzten; die Patienten und der auswertende Arzt wussten es nicht. | Die Patienten erhielten dreimal im Abstand von 48 bis 72 Stunden eine subokzipitale Injektion, entweder mit 3,75 mg Cortivazol oder mit einem Scheinmedikament. Die Injektion kam jeweils zusätzlich zur laufenden Behandlung: bei episodischem Verlauf zusätzlich zu [[Verapamil]] in Tablettenform, bei chronischem Verlauf zusätzlich zur bestehenden Vorbeugung. Die Injektionen setzten Ärzte, die wussten, was sie spritzten; die Patienten und der auswertende Arzt wussten es nicht. | ||
Gemessen wurde, wie viele Patienten in den 72 Stunden zwei bis vier Tage nach der dritten Injektion im Mittel höchstens noch zwei Attacken pro Tag hatten. Das erreichten '''20 von 21 Patienten der Cortivazol-Gruppe und 12 von 22 der Placebo-Gruppe''' (Odds Ratio 14,5; 95-%-Konfidenzintervall 1,8 bis 116,9; p = 0,012). Über die ersten 15 Studientage summiert hatte die Cortivazol-Gruppe im Mittel 10,6 Attacken, die Placebo-Gruppe 30,3 – ein Unterschied von 19,7 Attacken (95-%-Konfidenzintervall 6,8 bis 32,6; p = 0,004). Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten nicht auf. Andere unerwünschte Ereignisse hatten 32 der 43 Patienten (74 %), 18 von 21 in der Cortivazol- und 14 von 22 in der Placebo-Gruppe (p = 0,162); am häufigsten waren Nackenschmerzen an der Einstichstelle und Kopfschmerzen anderer Art. Die Autoren schließen daraus, dass subokzipitale Cortivazol-Injektionen bei Patienten mit häufigen täglichen Attacken rasch helfen können, unabhängig von der Verlaufsform, dass Sicherheit und Verträglichkeit aber in größeren Studien noch bestätigt werden müssen. Die Studie ist unter ClinicalTrials.gov als NCT00804895 registriert.<ref name="LEROUX2011">{{cite journal |author=Leroux E, Valade D, Taifas I, Vicaut E, Chagnon M, Roos C, Ducros A |title=Suboccipital steroid injections for transitional treatment of patients with more than two cluster headache attacks per day: a randomised, double-blind, placebo-controlled trial |journal=Lancet Neurol |volume=10 |issue=10 |pages=891-7 |year=2011 |pmid=21903477 |doi=10.1016/S1474-4422(11)70186-7}}</ref> | Gemessen wurde, wie viele Patienten in den 72 Stunden zwei bis vier Tage nach der dritten Injektion im Mittel höchstens noch zwei Attacken pro Tag hatten. Das erreichten '''20 von 21 Patienten der Cortivazol-Gruppe und 12 von 22 der Placebo-Gruppe''' (Odds Ratio 14,5; 95-%-Konfidenzintervall 1,8 bis 116,9; p = 0,012). Über die ersten 15 Studientage summiert hatte die Cortivazol-Gruppe im Mittel 10,6 Attacken, die Placebo-Gruppe 30,3 – ein Unterschied von 19,7 Attacken (95-%-Konfidenzintervall 6,8 bis 32,6; p = 0,004). Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten nicht auf. | ||
Andere unerwünschte Ereignisse hatten 32 der 43 Patienten (74 %), 18 von 21 in der Cortivazol- und 14 von 22 in der Placebo-Gruppe (p = 0,162); am häufigsten waren Nackenschmerzen an der Einstichstelle und Kopfschmerzen anderer Art. Die Autoren schließen daraus, dass subokzipitale Cortivazol-Injektionen bei Patienten mit häufigen täglichen Attacken rasch helfen können, unabhängig von der Verlaufsform, dass Sicherheit und Verträglichkeit aber in größeren Studien noch bestätigt werden müssen. Die Studie ist unter ClinicalTrials.gov als NCT00804895 registriert.<ref name="LEROUX2011">{{cite journal |author=Leroux E, Valade D, Taifas I, Vicaut E, Chagnon M, Roos C, Ducros A |title=Suboccipital steroid injections for transitional treatment of patients with more than two cluster headache attacks per day: a randomised, double-blind, placebo-controlled trial |journal=Lancet Neurol |volume=10 |issue=10 |pages=891-7 |year=2011 |pmid=21903477 |doi=10.1016/S1474-4422(11)70186-7}}</ref> | |||
Zwei Einschränkungen sind beim Lesen dieser Zahlen wichtig. Erstens ist die Studie klein: 43 Patienten. Das Konfidenzintervall der Odds Ratio reicht von 1,8 bis 116,9 – die Richtung des Effekts ist damit gesichert, seine Stärke aber nicht; hinter einer solchen Spanne kann ein deutlicher oder ein sehr großer Nutzen stehen. Zweitens wurde '''Cortivazol''' verwendet, ein Corticosteroid, das im deutschen Arzneimittelverzeichnis Gelbe Liste nicht geführt ist<ref name="GELBELISTE-CORTIVAZOL">Suche nach dem Wirkstoff Cortivazol im Arzneimittelverzeichnis [https://www.gelbe-liste.de/suche?term=Cortivazol Gelbe Liste]: null Präparate, null Wirkstoffe (geprüft am 21.09.2026).</ref> – in den oben zusammengefassten Studien kam überwiegend [https://de.wikipedia.org/wiki/Methylprednisolon Methylprednisolon] zum Einsatz. Das Ergebnis lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres auf das übertragen, was in Deutschland gespritzt wird. | Zwei Einschränkungen sind beim Lesen dieser Zahlen wichtig. Erstens ist die Studie klein: 43 Patienten. Das Konfidenzintervall der Odds Ratio reicht von 1,8 bis 116,9 – die Richtung des Effekts ist damit gesichert, seine Stärke aber nicht; hinter einer solchen Spanne kann ein deutlicher oder ein sehr großer Nutzen stehen. Zweitens wurde '''Cortivazol''' verwendet, ein Corticosteroid, das im deutschen Arzneimittelverzeichnis Gelbe Liste nicht geführt ist<ref name="GELBELISTE-CORTIVAZOL">Suche nach dem Wirkstoff Cortivazol im Arzneimittelverzeichnis [https://www.gelbe-liste.de/suche?term=Cortivazol Gelbe Liste]: null Präparate, null Wirkstoffe (geprüft am 21.09.2026).</ref> – in den oben zusammengefassten Studien kam überwiegend [https://de.wikipedia.org/wiki/Methylprednisolon Methylprednisolon] zum Einsatz. Das Ergebnis lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres auf das übertragen, was in Deutschland gespritzt wird. | ||
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Die vorliegenden Studien und Berichte zeigen, dass durch die subokzipitale Injektion von Corticosteroiden in den Bereich des großen Hinterhauptnervs Cluster-Kopfschmerzen reduziert werden können. Lokalanästhetika scheinen keinen oder einen nur geringen vorbeugenden Einfluss zu haben, sie können aber zur Behandlung akuter Attacken wirksam sein. | Die vorliegenden Studien und Berichte zeigen, dass durch die subokzipitale Injektion von Corticosteroiden in den Bereich des großen Hinterhauptnervs Cluster-Kopfschmerzen reduziert werden können. Lokalanästhetika scheinen keinen oder einen nur geringen vorbeugenden Einfluss zu haben, sie können aber zur Behandlung akuter Attacken wirksam sein. | ||
Für die Wirksamkeit gibt es zwei randomisierte, placebokontrollierte Studien (siehe [[#2005 Ambrosini|2005 Ambrosini]] und [[#2011 Leroux|2011 Leroux]]) — beide klein, beide deutlich positiv —, und die Leitlinie der European Academy of Neurology empfiehlt die Blockade des großen Hinterhauptnervs seit 2023 ausdrücklich. In ihrer Übersichtstabelle ordnet sie die Blockade allerdings als Konsens der Fachleute ein, „in the absence of evidence/studies“, obwohl sie im Text selbst die beiden Studien nennt („both with a low number of patients“). Als Zweck nennt sie die Überbrückung, „Additional to bridge time until verapamil is efficacious“, als Wirkung „Efficacious in 70%–80% of patients“ und als Mischung „2.5 mL betamethasone (rapid and long acting) plus 0.5 mL Xylocaine 2% sc ipsilateral to the pain“ — Betamethason, ein Kortison mit schneller und lang anhaltender Wirkung, und ein örtliches Betäubungsmittel, unter die Haut auf der Seite des Schmerzes. Offen ist nach der Leitlinie, ob eine Spritze auf beiden Seiten oder zusätzlich am kleinen Hinterhauptsnerv besser wirkt: Dazu gebe es keine Daten.<ref name="EAN2023VT">[https://www.uems-neuroboard.org/web/images/docs/exam/2024/papers/06-EAN-guideline-cluster-headache2023.pdf May A, Evers S, Goadsby PJ u. a.: European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache. Eur J Neurol 2023;30(10):2955–2979], PMID 37515405. Volltext in der frei zugänglichen Fassung, am 22.09.2026 gelesen: Abschnitt „Interventional injection involving peripheral nerves“ (Seite 2970) und Tabelle 18 (Seite 2974).</ref> Dieselbe Leitlinie rät umgekehrt von der '''elektrischen Stimulation''' des großen Hinterhauptnervs ab, wegen des Nebenwirkungsprofils – beides wird leicht verwechselt, es sind zwei verschiedene Verfahren (siehe [[Okzipitale Nervenstimulation]]).<ref name="EAN2023">{{cite journal |author=May A, Evers S, Goadsby PJ, Leone M, Manzoni GC, Pascual J, et al. |title=European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache |journal=Eur J Neurol |volume=30 |pages=2955-2979 |year=2023 |pmid=37515405 |doi=10.1111/ene.15956}}</ref> Die Infiltrationstherapie des großen Hinterhauptnervs mit Corticosteroiden zeigt auch Erfolge, wenn andere medikamentöse Maßnahmen versagen. Weitere Vorteile sind die geringe Nebenwirkungsrate, die einfache Handhabung und die schnelle Durchführbarkeit.<ref name="LANZ"/> [https://de.wikipedia.org/wiki/Systemische_Aufnahme Systemische] Nebenwirkungen der Corticosteroide könnten durch die lokale Anwendung und die geringeren Wirkstoffmengen gegenüber der [https://de.wikipedia.org/wiki/Peroral oralen] oder der [https://de.wikipedia.org/wiki/Intraven%C3%B6s intravenösen] Behandlung mit Corticosteroiden vermindert sein. Die subokzipitale Injektion von Corticosteroiden in den Bereich des großen Hinterhauptnervs hat vermutlich eine bessere Wirksamkeit als die orale oder die intravenöse Applikation.<ref name="AMBRO"/> | Für die Wirksamkeit gibt es zwei randomisierte, placebokontrollierte Studien (siehe [[#2005 Ambrosini|2005 Ambrosini]] und [[#2011 Leroux|2011 Leroux]]) — beide klein, beide deutlich positiv —, und die Leitlinie der European Academy of Neurology empfiehlt die Blockade des großen Hinterhauptnervs seit 2023 ausdrücklich. | ||
In ihrer Übersichtstabelle ordnet sie die Blockade allerdings als Konsens der Fachleute ein, „in the absence of evidence/studies“, obwohl sie im Text selbst die beiden Studien nennt („both with a low number of patients“). Als Zweck nennt sie die Überbrückung, „Additional to bridge time until verapamil is efficacious“, als Wirkung „Efficacious in 70%–80% of patients“ und als Mischung „2.5 mL betamethasone (rapid and long acting) plus 0.5 mL Xylocaine 2% sc ipsilateral to the pain“ — Betamethason, ein Kortison mit schneller und lang anhaltender Wirkung, und ein örtliches Betäubungsmittel, unter die Haut auf der Seite des Schmerzes. | |||
Offen ist nach der Leitlinie, ob eine Spritze auf beiden Seiten oder zusätzlich am kleinen Hinterhauptsnerv besser wirkt: Dazu gebe es keine Daten.<ref name="EAN2023VT">[https://www.uems-neuroboard.org/web/images/docs/exam/2024/papers/06-EAN-guideline-cluster-headache2023.pdf May A, Evers S, Goadsby PJ u. a.: European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache. Eur J Neurol 2023;30(10):2955–2979], PMID 37515405. Volltext in der frei zugänglichen Fassung, am 22.09.2026 gelesen: Abschnitt „Interventional injection involving peripheral nerves“ (Seite 2970) und Tabelle 18 (Seite 2974).</ref> Dieselbe Leitlinie rät umgekehrt von der '''elektrischen Stimulation''' des großen Hinterhauptnervs ab, wegen des Nebenwirkungsprofils – beides wird leicht verwechselt, es sind zwei verschiedene Verfahren (siehe [[Okzipitale Nervenstimulation]]).<ref name="EAN2023">{{cite journal |author=May A, Evers S, Goadsby PJ, Leone M, Manzoni GC, Pascual J, et al. |title=European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache |journal=Eur J Neurol |volume=30 |pages=2955-2979 |year=2023 |pmid=37515405 |doi=10.1111/ene.15956}}</ref> Die Infiltrationstherapie des großen Hinterhauptnervs mit Corticosteroiden zeigt auch Erfolge, wenn andere medikamentöse Maßnahmen versagen. | |||
Weitere Vorteile sind die geringe Nebenwirkungsrate, die einfache Handhabung und die schnelle Durchführbarkeit.<ref name="LANZ"/> [https://de.wikipedia.org/wiki/Systemische_Aufnahme Systemische] Nebenwirkungen der Corticosteroide könnten durch die lokale Anwendung und die geringeren Wirkstoffmengen gegenüber der [https://de.wikipedia.org/wiki/Peroral oralen] oder der [https://de.wikipedia.org/wiki/Intraven%C3%B6s intravenösen] Behandlung mit Corticosteroiden vermindert sein. Die subokzipitale Injektion von Corticosteroiden in den Bereich des großen Hinterhauptnervs hat vermutlich eine bessere Wirksamkeit als die orale oder die intravenöse Applikation.<ref name="AMBRO"/> | |||
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[[Bild:GON Block1.jpg|thumb|center|500px|<div style="text-align:center">Injektion im Bereich des großen Hinterhauptnervs</div>]] | [[Bild:GON Block1.jpg|alt=Ein Arzt setzt einer vornübergebeugten Person eine Spritze am Hinterkopf; mit der anderen Hand hält er die Haare zur Seite.|thumb|center|500px|<div style="text-align:center">Injektion im Bereich des großen Hinterhauptnervs</div>]] | ||
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[[Kategorie:Eingriffe und Neuromodulation]] | [[Kategorie:Eingriffe und Neuromodulation]] | ||
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<seo title="Okzipitale Nervenblockade (GON) bei Cluster-Kopfschmerz" description="Kortison-Spritze am Hinterkopf bei Cluster-Kopfschmerz: wie die GON-Blockade gemacht wird, wie gut und wie lange sie wirkt, welche Nebenwirkungen sie hat." /> | |||