Gamma Knife
Das Gamma Knife ist das erste und bislang erprobteste Instrument zur Durchführung radiochirurgischer Eingriffe. Der Grund für seine Entwicklung war die Suche nach einer minimalinvasiven Behandlungsmethode mit der man Hirntumore und Gefäßfehlbildungen heilen kann, ohne den Schädel zu öffnen.
Anstelle eines chirurgischen Skalpells nutzt man hierbei die strahlenbiologische Wirkung hochgradig fokussierter Gammastrahlen aus, um die gewünschte Gewebeveränderung bzw. Tumorkontrolle zu erreichen. Diese Behandlungsmethode wird erfolgreich auch bei der Trigeminusneuralgie angewandt. Die Radiochirurgie stellt deshalb insbesondere für Patienten mit hohem Narkose- oder Operationsrisiko eine äußerst wirksame Alternative zu einer offenen Operation dar. Darüber hinaus ermöglicht sie die Behandlung von Tumoren und Angiomen in operativ nur schwer oder nicht zugänglichen Regionen des Gehirns. Während der Behandlung empfinden die Patienten keinen Schmerz und können bereits am Tag danach ihren gewohnten Lebensalltag wieder aufnehmen.[1]
Bezüglich Cluster-Kopfschmerz: „In wenigen Einzelfallstudien wurde ein Effekt beschrieben durch die [...] Radiation der Eintrittszone des Nervus trigeminus („Gamma Knife“) [...]. Es existieren jedoch auch diverse Fallstudien mit negativem oder sogar verschlechtertem Ausgang.“[2] Die europäische Leitlinie von 2023 zählt die Bestrahlung der Eintrittszone des Trigeminusnervs („Gamma Knife“) zu den zerstörenden Eingriffen: Fallberichte dazu zeigen keine Wirkung oder eine Verschlechterung. Solche Eingriffe bergen außerdem das Risiko von Nervenschmerzen und einer „Anaesthesia dolorosa“, eines schmerzhaften Taubheitsgefühls.[3]
In der Zeitschrift Neurosurgery erschienen im Dezember 2006 zwei Artikel über Langzeitstudien mit der Gamma Knife Behandlung bei Cluster-Kopfschmerz. Ergebnis: Die Gamma Knife Methode brachte bei Cluster-Kopfschmerz kaum Verbesserung. Die Risiken und Nebenwirkungen waren größer als der Therapieerfolg.[4][5] Auch die wiederholte Anwendung verbesserte die Wirksamkeit nicht.[6]
Was neuere Auswertungen zeigen
Die deutsche Leitlinie von 2015 galt bis 2020; eine Neufassung ist laut AWMF-Register für den 31.12.2026 geplant.[7]
Bei der Radiochirurgie (zum Beispiel mit dem Gamma Knife) wird beim Cluster-Kopfschmerz der Trigeminusnerv und/oder das Ganglion pterygopalatinum (ein Nervenknoten hinter der Nase) bestrahlt. Es gibt dazu nur wenige kleine, offene Studien (ohne Scheinbehandlung zum Vergleich).
- Übersichtsarbeit 2022 (5 Studien, 52 Behandelte): Anfangs hatten 77 % eine deutliche Besserung; bis zur letzten Nachuntersuchung hielt sie bei 42 % an. 58 % bekamen Gefühlsstörungen im Gesicht, 6 % einen Deafferenzierungsschmerz (Dauerschmerz durch die Schädigung des Nervs).[8]
- Metaanalyse 2026 (5 Studien, 51 Behandelte): Anfangs waren etwa 60 % ganz schmerzfrei und 80 % ausreichend gebessert; bei der letzten Nachuntersuchung waren es noch etwa 29 % beziehungsweise 42 %. Bei etwa 60 % kamen die Schmerzen zurück. Nebenwirkungen der Bestrahlung waren häufig; Studien mit längerer Beobachtung berichteten viele bleibende Gefühlsstörungen im Gesicht bis hin zur „Anaesthesia dolorosa“ (einem schmerzhaften Taubheitsgefühl). Die Autoren raten zu sehr vorsichtigem und nur ausgewähltem Einsatz.[9]
- Neue Einzelzentrums-Studie 2026 (18 Behandelte, 2004–2022, Trigeminusnerv und Ganglion pterygopalatinum bestrahlt): 79 % hatten nach im Mittel 4 Monaten eine ausreichende Schmerzkontrolle; bei 80 % von ihnen kamen die Schmerzen nach im Mittel 27 Monaten zurück. Eine störende Taubheit im Gesicht trat bei 16 % nach der ersten und bei 50 % nach einer wiederholten Bestrahlung auf. Die Autoren halten das Verfahren für eine vertretbare Möglichkeit bei sonst nicht behandelbarem Cluster-Kopfschmerz.[10]
Einordnung der Quellen: Die Einzelzentrums-Studie von 2026 hält das Verfahren für vertretbar.[10] Die Metaanalyse von 2026 rät wegen der hohen Rate bleibender Nervenschäden zu großer Zurückhaltung,[9] und eine der älteren Studien empfahl die Bestrahlung ausdrücklich nicht („We do not recommend radiosurgery for treatment of intractable CCH“).[4] Andere Verfahren bei sonst nicht behandelbarem Cluster-Kopfschmerz: Okzipitale Nervenstimulation, SPG-Stimulation, Tiefenhirnstimulation.
Literatur
- Donnet, A.; Carron, R.; Régis, J. (Jun 2012). "Predilection to deafferentation pain syndrome after radiosurgery in cluster headache.". Cephalalgia 32 (8): 635-40. doi:. PMID 22529195.
- Kano H, Kondziolka D, Niranjan A, Flickinger JC, Lunsford LD (April 2011). "Gamma knife stereotactic radiosurgery in the management of cluster headache". Curr Pain Headache Rep 15 (2): 118–23. doi:. PMID 21181562.
- Kano H, Kondziolka D, Mathieu D, Stafford SL, Flannery TJ, Niranjan A, Pollock BE, Kaufmann AM, Flickinger JC, Lunsford LD (April 2010). "Stereotactic radiosurgery for intractable cluster headache: an initial report from the North American Gamma Knife Consortium". J Neurosurg. doi:. PMID 20433278.
- Alvernia, JE.; Spomar, DG.; Olivero, WC. (Oct 2007). "A computed tomography scan and anatomical cadaveric study of the pterygopalatine ganglion for use in Gamma Knife treatment of cluster headache.". J Neurosurg 107 (4): 805-8. doi:. PMID 17937227.
- Donnet, A.; Valade, D.; Régis, J. (Feb 2005). "Gamma knife treatment for refractory cluster headache: prospective open trial.". J Neurol Neurosurg Psychiatry 76 (2): 218-21. doi:. PMID 15654036.
Externe Links
- Alan R. Jacobs: Under the Gamma Knife for Cluster Headache. Medscape Neurology. September 27, 2011. (Free registration required.)
- https://de.wikipedia.org/wiki/Gamma_knife
Einzelnachweise
- ↑ Universitätsklinikum Aachen, Gamma-Knife-Zentrum: Radiochirurgie. 19.01.2013
- ↑ Leitlinie "Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen". Herausgegeben von der Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie, der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft und dem Berufsverband deutscher Neurologen. Stand: 14.05.2015, gültig bis 13.05.2020; eine Neufassung ist angemeldet, geplante Fertigstellung 31.12.2026. - Online bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- ↑ May A, Evers S, Goadsby PJ, Leone M, Manzoni GC, Pascual J, et al. (2023). "European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache". Eur J Neurol 30 (10): 2955-2979. doi:. PMID 37515405. S. 2970, Abschnitt „Destructive procedures“. Im Wortlaut: „Furthermore, surgery induces the risk of neuropathic pain and anesthesia dolorosa.“; „Other case studies, such as radiation of the entry zone for the trigeminal nerve (gamma knife) [187], report a neutral result or a worsening of symptoms [188].“
- ↑ 4,0 4,1 Donnet, A.; Tamura, M.; Valade, D.; Régis, J. (Dec 2006). "Trigeminal nerve radiosurgical treatment in intractable chronic cluster headache: unexpected high toxicity.". Neurosurgery 59 (6): 1252-7; discussion 1257. doi:. PMID 17277687.
- ↑ McClelland, S.; Tendulkar, RD.; Barnett, GH.; Neyman, G.; Suh, JH. (Dec 2006). "Long-term results of radiosurgery for refractory cluster headache.". Neurosurgery 59 (6): 1258-62; discussion 1262-3. doi:. PMID 17277688.
- ↑ McClelland, S.; Barnett, GH.; Neyman, G.; Suh, JH. (Feb 2007). "Repeat trigeminal nerve radiosurgery for refractory cluster headache fails to provide long-term pain relief.". Headache 47 (2): 298-300. doi:. PMID 17300376.
- ↑ AWMF-Leitlinienregister, Registernummer 030-036: S1-Leitlinie Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen, am 23.09.2026 abgerufen: Status „Angemeldet“, Art der Anmeldung „Überarbeitung“, Anmeldedatum 24.07.2025, geplante Fertigstellung 31.12.2026; Koordination PD Dr. Tim Jürgens (Güstrow) und Prof. Gudrun Goßrau (Dresden).
- ↑ Franzini A, Clerici E, Navarria P, Picozzi P (2022). "Gamma Knife radiosurgery for the treatment of cluster headache: a systematic review". Neurosurg Rev 45 (3): 1923–1931. doi:. PMID 35112222. Im Wortlaut: „with an aggregate initial meaningful pain reduction in 37 patients (77%). This effect persisted in 20 patients (42%) at last follow-up. Trigeminal sensory disturbances were observed in 28 patients (58%) and deafferentation pain in 3 patients (6%).“ Am 23.09.2026 über Europe PMC geprüft.
- ↑ 9,0 9,1 Hajikarimloo B, Tos SM, Mohammadzadeh I u. a. (2026). "Stereotactic radiosurgery in the management of cluster headache: evidence from a systematic review and meta-analysis". Neurosurg Rev 49 (1): 183. doi:. PMID 41619097. Frei lesbar (PMC12860871). Im Wortlaut: „SRS may provide early pain reduction in selected patients with medically refractory CH; however, the literature demonstrates a high rate of permanent trigeminal nerve injury, warranting cautious and highly selective use.“ Am 23.09.2026 über Europe PMC geprüft.
- ↑ 10,0 10,1 Mathieu D, Hamel A, Carrier L, Iorio-Morin C (2026). "Stereotactic Radiosurgery for Cluster Headache: A Single Center Retrospective Study". Neurosurgery 98 (5): 1032–1039. doi:. PMID 40932271. Im Wortlaut: „Pain recurred after a median of 27 months in 80% of patients who had initial relief.“; „New bothersome facial numbness (Barrow Neurological Institute III or worse) occurred in 16% after primary SRS and 50% after repeat SRS.“ Am 23.09.2026 über Europe PMC geprüft.
Diese Seiten sind von Nichtmedizinern geschrieben und ersetzen keinen Arztbesuch. Angaben können fehlerhaft oder veraltet sein – prüfen Sie Wichtiges in den genannten Quellen nach. Bitte beachten Sie die Hinweise zu Gesundheitsthemen und zum Datenschutz sowie unsere Arbeitsweise.