Prismenbrillen
Manche Augenoptiker messen eine sogenannte „Winkelfehlsichtigkeit“ und bieten dafür Brillen mit Prismengläsern an; als mögliche Beschwerden werden dabei auch Kopfschmerzen genannt.[3] Diese Seite erklärt, was dahintersteckt und was es für Menschen mit Cluster-Kopfschmerz bedeutet.
Was ist eine Prismenbrille?
Ein Prismenglas lenkt das Licht ab, bevor es ins Auge fällt. So kann eine Brille ausgleichen, dass beide Augen nicht ganz genau in dieselbe Richtung schauen. In der Augenheilkunde werden Prismen nach dem Berufsverband der Augenärzte vor allem zur Untersuchung eingesetzt und nur in ausgesuchten Fällen längere Zeit als Brille getragen.[3]
Ein verstecktes Schielen, Fachwort Heterophorie, haben nach dem Berufsverband die meisten Menschen: In Ruhe weichen die Blickrichtungen beider Augen minimal voneinander ab, und das wird normalerweise ausgeglichen.[3] Einige Augenoptiker messen solche Abweichungen nach einer Methode von Hans-Joachim Haase (Mess- und Korrektionsmethodik nach H.-J. Haase, kurz MKH), nennen das Ergebnis „Winkelfehlsichtigkeit“ und gleichen es mit Prismen aus.[3]
Was Augenärzte dazu sagen
Der Berufsverband der Augenärzte schrieb 2013, vor allem mit Blick auf Kinder:[3]
- „Winkelfehlsichtigkeit“ sei keine augenärztliche oder wissenschaftlich fundierte Diagnose.
- An Prismen gewöhne man sich; nach einiger Zeit kämen der ursprüngliche Zustand und die Beschwerden zurück.
- Wer Beschwerden beim Sehen hat, solle in der Augenarztpraxis klären lassen, ob eine bislang unentdeckte Fehlsichtigkeit vorliegt, und sich keine Prismenbrille ohne augenärztliche Untersuchung anpassen lassen.
Augenoptiker, die nach der MKH arbeiten, widersprechen. In einem veröffentlichten Gegenkommentar stützt sich einer vor allem auf Berichte von Kunden, nicht auf Studien mit Vergleichsgruppe.[3] Zur MKH gibt es Untersuchungen zum beidäugigen Sehen, etwa eine rückblickende Auswertung von 34 Menschen, deren Augen sehr unterschiedlich stark fehlsichtig waren (2025); um Kopfschmerzen ging es darin nicht.[5]
Und beim Cluster-Kopfschmerz?
Es gibt keine Studie. Ob eine Prismenbrille Cluster-Attacken seltener oder schwächer macht, hat niemand untersucht. Eine Suche in der Literaturdatenbank Europe PMC mit den Stichworten cluster headache und prism, prismatic oder spectacles ergab am 24.09.2026 keine Arbeit dazu.
Die Augen sind nicht der Auslöser. Beim Cluster-Kopfschmerz gehören ein gerötetes oder tränendes Auge, eine laufende oder verstopfte Nase, ein geschwollenes oder hängendes Lid und eine enge Pupille auf der Schmerzseite zu den Begleitzeichen der Attacke. Akute Attacken gehen nach der internationalen Kopfschmerzklassifikation mit einer Aktivierung eines Bereichs im Zwischenhirn einher, des hinteren Hypothalamus.[1] Mehr dazu unter Symptome und Hängendes Lid und enge Pupille.
Kopfschmerz durch versteckt schielende Augen ist etwas anderes. Die internationale Kopfschmerzklassifikation beschreibt einen „Kopfschmerz zurückzuführen auf Heterophorie oder Heterotropie“ nur in ihrem Anhang: Es gebe einzelne Fälle, sonst aber „kaum Hinweise für diese Kopfschmerzursache“.[2] Schon die Beschreibung passt nicht zu Cluster-Attacken:
| Cluster-Kopfschmerz | Kopfschmerz durch versteckt schielende Augen (nur im Anhang) | |
|---|---|---|
| Wann | in Attacken, unbehandelt 15 bis 180 Minuten lang, von einer jeden zweiten Tag bis zu acht am Tag[1] | meist nach längerer Anstrengung der Augen[2] |
| Begleitzeichen | auf der Schmerzseite tränendes oder gerötetes Auge, laufende oder verstopfte Nase, Lidschwellung, Schwitzen an Stirn oder Gesicht, enge Pupille oder hängendes Lid; dazu Unruhe[1] | Verschwommensehen, Doppeltsehen oder Mühe beim Wechsel zwischen Nah- und Fernsicht[2] |
| Was lindert | Sauerstoff und die Sumatriptan-Spritze[4] | ein Auge schließen oder die Anstrengung der Augen beenden[2] |
| Stand | eigene, genau beschriebene Diagnose (ICHD-3, 3.1)[1] | „kaum Hinweise“, deshalb nur im Anhang[2] |
Eine versteckte Schielstellung haben die meisten Menschen,[3] also auch viele mit Cluster-Kopfschmerz. Dass eine Prismenbrille an den Attacken etwas ändert, ist dadurch aber nicht belegt.
Was stattdessen hilft
- Gegen die Attacke: Die europäische Leitlinie empfiehlt stark reinen Sauerstoff (100 %, mindestens 12 Liter pro Minute über 15 Minuten) und Sumatriptan 6 mg als Spritze unter die Haut.[4] Mehr unter Sauerstoff und Sumatriptan.
- Zur Vorbeugung: Verapamil in einer Tagesdosis von mindestens 240 mg, dazu weitere Mittel als Alternativen.[4] Mehr unter Vorbeugung.
- Wenn die Diagnose noch fehlt: Nach der europäischen Leitlinie gehören eine gründliche neurologische Untersuchung und eine Kernspintomografie (MRT) des Kopfes dazu.[6] Siehe Diagnose und Differentialdiagnose.
- Wenn die Augen Beschwerden machen, etwa müde oder brennende Augen nach dem Lesen: in der Augenarztpraxis klären lassen, ob eine bislang unentdeckte Fehlsichtigkeit vorliegt.[3]
Siehe auch
- Symptome
- Hängendes Lid und enge Pupille (Horner-Syndrom)
- Was sonst dahinterstecken kann
- Behandlung im Überblick
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Internationale Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen, 3. Auflage (ICHD-3), deutsche Fassung: 3.1 Clusterkopfschmerz, am 23.09.2026 gelesen. Diagnostische Kriterien im Wortlaut: „Starke oder sehr starke einseitig orbital, supraorbital und/oder temporal lokalisierte Schmerzattacken, die unbehandelt 15 bis 180 Minuten anhalten“; „mindestens eines der folgenden Symptome oder Zeichen, jeweils ipsilateral zum Kopfschmerz“ (konjunktivale Injektion und/oder Lakrimation; nasale Kongestion und/oder Rhinorrhoe; Lidödem; Schwitzen im Bereich der Stirn oder des Gesichtes; Miosis und/oder Ptosis) oder „körperliche Unruhe oder Agitiertheit“; „Die Attackenfrequenz liegt zwischen 1 jeden zweiten Tag und 8 pro Tag“. Aus der Beschreibung: „Während der schlimmsten Attacken ist die Schmerzintensität unerträglich. Die Patienten sind in der Regel nicht in der Lage, sich hinzulegen und laufen charakteristischerweise umher.“; „Das Erkrankungsalter liegt meist zwischen 20 und 40 Jahren. Aus bisher nicht bekannten Gründen sind Männer dreimal häufiger betroffen als Frauen. Akute Attacken gehen mit einer Aktivierung des posterioren hypothalamischen Graus einher.“ Aus dem Kommentar: „Die Attacken treten üblicherweise in Serien auf, die Wochen oder Monate andauern (sogenannte Clusterepisoden). Dazwischen liegen Remissionszeiten, die meist Monate oder Jahre anhalten. Bei etwa 10% bis 15% der Patienten tritt jedoch ein 3.1.2 chronischer Clusterkopfschmerz ohne derartige Remissionen auf. In einer großen Serie von Verläufen konnte gezeigt werden, dass ein Viertel der Patienten lediglich eine Clusterepisode aufwies.“; „Während einer Clusterepisode des 3.1.1 episodischen Clusterkopfschmerzes und beim 3.1.2 chronischen Clusterkopfschmerz kommt es regelmäßig zu Attacken. Diese können durch Alkohol, Histamin oder Nitroglyzerin ausgelöst werden.“
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 Internationale Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen, 3. Auflage (ICHD-3), deutsche Fassung, Anhang: A11.3.5 Kopfschmerz zurückzuführen auf Heterophorie oder Heterotropie, am 24.09.2026 gelesen. Beschreibung: „Kopfschmerz verursacht durch einen latenten oder anhaltenden Strabismus (Schielen), üblicherweise nach längerer Anstrengung der Augen auftretend.“ Kriterien unter anderem: „Verschwommensehen“, „Doppeltsehen“, „Schwierigkeiten mit dem Wechsel von Nahsicht zu Fernsicht und/oder umgekehrt“; „Der Kopfschmerz verschlechtert sich durch länger anhaltende Anstrengung der Augen“; „Der Kopfschmerz wird durch Schließen eines Auges und/oder Abbruch der Anstrengung der Augen gelindert“; „Nicht besser erklärt durch eine andere ICHD-3-Diagnose.“ Kommentar: „Es gibt eine Reihe von Fällen, die für einen A11.3.5 Kopfschmerz zurückzuführen auf eine Heterophorie oder Heterotropie sprechen, ansonsten gibt es kaum Hinweise für diese Kopfschmerzursache. Deshalb wurde dieser in den Anhang verschoben, bis formellere Untersuchungen durchgeführt wurden.“ Englisches Original: „little evidence for this cause of headache“.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 3,6 3,7 3,8 Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA): Pressemitteilung „Das Phantom der ‚Winkelfehlsichtigkeit‘ – Prismenbrillen können das Zusammenspiel der Augen stören“, 13.11.2013. Veröffentlicht als PDF-Datei auf der Seite eines Augenoptikers, zusammen mit dessen Gegenkommentar; am 24.09.2026 gelesen. Im Wortlaut: „Die so genannte Winkelfehlsichtigkeit ist keine augenfachärztliche oder gar wissenschaftlich fundierte Diagnose.“; „Bei den meisten Menschen findet sich ein verstecktes (latentes) Schielen, das Augenärzte mit dem Fachbegriff ‚Heterophorie‘ bezeichnen.“; „In der Augenheilkunde werden Prismen vor allem zu diagnostischen Zwecken eingesetzt. Nur in ausgesuchten Fällen werden sie auch therapeutisch, das heißt für längere Zeit genutzt.“; „Da der Patient sich aber nach einiger Zeit an die Prismen gewöhnt, kehren damit langsam der ursprüngliche Zustand und auch die Ermüdung zurück.“; „Augenärzte warnen daher ausdrücklich davor, ohne vorherige augenärztliche Untersuchung Prismenbrillen vom Optiker anpassen zu lassen“. Die Mitteilung nennt „einige Optiker und Ergotherapeuten“, die den Begriff verwenden, und bezieht sich vor allem auf Kinder. Der Gegenkommentar des Augenoptikers stützt sich auf Berichte von Kunden und auf Veröffentlichungen von H.-J. Haase, nicht auf Studien mit Vergleichsgruppe zu Kopfschmerzen.
- ↑ 4,0 4,1 4,2 4,3 May A, Evers S, Goadsby PJ, Leone M, Manzoni GC, Pascual J, et al. (2023). "European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache". Eur J Neurol 30 (10): 2955–2979. doi:. PMID 37515405. Im Wortlaut der Zusammenfassung: „For the acute treatment of cluster headache attacks, there is a strong recommendation for oxygen (100%) with a flow of at least 12 L/min over 15 min and 6 mg subcutaneous sumatriptan. Prophylaxis of cluster headache attacks with verapamil at a daily dose of at least 240 mg (maximum dose depends on efficacy and tolerability) is recommended.“; „Lithium, topiramate, and galcanezumab (only for episodic cluster headache) are recommended as alternative treatments.“ Am 23.09.2026 über Europe PMC geprüft.
- ↑ Wang SH, Chen YY, Ko ML (2025). "Measuring and Correction Methods of H.-J. Haase Improve Binocular Vision in Patients with Severe Anisometropia". J Clin Med 14 (18): 6367. doi:. PMID 41010572. Frei lesbar (PMC12470504). Rückblickende Auswertung von 34 Patientinnen und Patienten mit stark unterschiedlicher Sehstärke beider Augen (Anisometropie von mindestens 3 Dioptrien); verglichen wurde das beidäugige Sehen nach zwei Anpassmethoden, Kopfschmerzen waren nicht Gegenstand. Am 24.09.2026 über Europe PMC gelesen.
- ↑ May A, Evers S, Goadsby PJ, Leone M, Manzoni GC, Pascual J, et al. (2023). "European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache". Eur J Neurol 30 (10): 2955-2979. doi:. PMID 37515405. Tabelle 3 (S. 2959), Zeile „Required“: „Complete neurological examination including careful examination of the cranial nerves (especially trigeminal nerve)“ und „Brain and craniocervical junction MRI (ruling out cerebral pathologies located near midline)“. Am 23.09.2026 im Volltext geprüft.