Bericht "Unerträglicher Schmerz"

Aus CK-Wissen
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Wer an Clusterkopfschmerz leider, kennt die unbeschreiblichen Qualen und Gedanken, die einen während einer Attacke heimsuchen. Eines der größten Probleme, für mich sogar das größte Problem neben den Schmerzen an sich, ist es Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen zu erklären, was denn so entsetzlich an dieser Krankheit ist. Es ist extrem schwer, wenn nicht gar unmöglich, die Abfolge einer Attacke und vor allem, was diese in einem auslöst, adäquat in einem normalen Gespräch zu beschreiben.

Während einer sehr starken Attacke heute, die mehrere Stunden dauerte, versuchte ich, die Gefühle und Gedanken, die mich währenddessen plagten, so exakt wie möglich einzufangen, damit ich diese, quasi mit noch frischem Schmerzgedächtnis, niederschreiben kann. Ich hoffe, dass dieser Text dem ein oder anderem einen, wenn auch nur vagen, Einblick in die Welt aus Dunkelheit, Einsamkeit und Schmerz geben kann, mit der die Unglücklichen teilweise täglich - und mehrfach - konfrontiert werden, die an dieser Krankheit leiden.

Es ist Samstag und es ist schon hell, als ich meine Augen zum ersten Mal nach einer entspannten und ruhigen Nacht öffne. Ich schlafe am Wochenende gerne aus, deswegen weiß ich sofort, dass etwas nicht stimmen kann, als der Wecker neben mir 8 Uhr anzeigt. Schlagartig schaltet mein Körper von schlaftrunken auf hellwach um und ich beginne eine Bestandsaufnahme. Beine, check. Bauchgegend, check. Oberkörper, Arme, Hals, check.

Ich nehme ein dumpfes, nicht ganz unangenehmes Pochen hinter meiner rechten Schläfe und dem rechten Auge war. Das ist alles, was ich brauche um zu wissen, was mich innerhalb der nächsten Minute erwarten wird. Ich nutze die kurze Vorwarnzeit, um mich nach meiner Akutmedikation umzusehen. Leider finde ich kein AscoTop®-Nasenspray und ein Anflug leichter Panik befällt mich. Für diesen Fall habe ich immer einige Dosen Energy-Drinks zuhause gelagert, da auch diese eine Attacke verhindern, mindestens aber verringern können. Sauerstoff, die Akutmedikation erster Wahl, wirkt bei mir leider nicht.

Es ist 8:08, als ich die erste 500ml Dosis Red Bull® herunterstürze, während mein rechter Zeigefinger unbewusst mein rechtes Auge massiert. Mein Bauch verkrampft sich wegen der großen Menge an Zucker und Zusatzstoffen, aber das bin ich mittlerweile gewohnt. Wenn alles gut verläuft, müsste die Attacke innerhalb der nächsten 5 bis 10 Minuten einfach verblassen, bevor sie auch nur einen Bruchteil ihrer möglichen Stärke erreicht. Ein schmerzender Magen ist ein geringer Preis dafür, den ich gerne bezahle.

Es läuft schlecht.

Ich hatte eine Woche oder länger Ruhe vor den dauernden Attacken, die einen chronischen Clusterkopfschmerz ausmachen. Für mich ist das ein Geschenk, ein 6er im Lotto, fast genauso selten wie die Chance, an dieser bisher noch unheilbaren Krankheit zu erkranken. Nur eine Woche ohne Schmerz. Die ich jetzt mit einer der schlimmsten Attacken, an die ich mich nach 10 Jahren des Leidens erinnern kann, bezahlen werde.

Einen kleinen Trost gibt es immerhin: Ich bin alleine zuhause, keiner muss mich sehen, wenn ich, wie jetzt, am verwundbarsten bin.

Im Laufe der Jahre findet jeder Patient einige Dinge, die, medizinisch begründbar oder nicht, den Schmerz etwas abmildern. Bei mir nahm das nach einigen Jahren kuriose Züge an, die sich mit der Zeit zu einem gleichzeitig gehassten, aber auch tröstenden Ritual entwickelten.

Ich begebe mich in das kleine Bad unserer Wohnung, schließe erst das Fenster, dann die Tür und setze mich, wie schon hunderte Male vorher auf den Toilettendeckel. Der Deckel ist natürlich nicht für diese dauernde Belastung gemacht, im Laufe der Jahre hat er unter der Belastung stark zu wackeln begonnen. Dieses Wackeln ist das einzige sichtbare Zeugnis einer sonst für die Umwelt unauffälligen Krankheit, die kommt und geht wann sie will.

Es ist ca. 8:15, als ich den Fön aktiviere und beginne, meine rechte Kopfhälfte mit rhythmischen Bewegungen der heißen Luft des Föns auszusetzen. Die Schmerzen sind noch nicht allzu stark und ich habe die Hoffnung, dass die tägliche Dosis Koffein und Taurin die Schmerzen wirkungsvoll abblockt. Mein schmerzendes und immer stärker gerötetes offenes Auge bestrahle ich in der Zwischenzeit mit der durch 1800 Watt aufgeheizten Luft. Ich muss auf diesem Auge mittlerweile nicht einmal mehr blinzeln, so abgehärtet ist es gegen jede Art von Wind und Druck, der von außen erzeugt werden kann.

Für weniger starke Attacken wie diese habe ich immer einen, wenn nicht gar zwei verschiedene Romane im Bad verstaut, meistens mit Texten, über die man nicht großartig nachdenken muss. Das Lesen lenkt mich, genau wie der brummende Fön, von den Schmerzen ab und ist ebenfalls Teil des Rituals. Ich habe bestimmt schon ein oder zwei Dutzend Bücher nur unter diesen Qualen, im fahlen Licht der Badbeleuchtung gelesen, dazu dutzende Magazine. Wenn ich mich an ihren Inhalt erinnern könnte, wäre ich wohl ein klügerer Mensch.

Ich beginne mit einem neuen Kapitel, der Schmerz ist mittlerweile nicht mehr ignorierbar, aber ich hatte schon stärkere Attacken, die dann innerhalb von Minuten schlagartig stoppten, als das Koffein zu wirken begann. Ich klammere mich mit reiner Willenskraft und aller aufbietbaren Konzentration an den dünnen Handlungsstrang des Romans. Das Buch halte ich dabei in der Linken, den Fön in der rechten Hand, unbeirrbar auf das Auge gerichtet, dass sich mittlerweile anfühlt, als würde es gleich platzen und das darin gestaute Blut sich literweise ins Waschbecken ergießen. Manchmal denke ich, dass dies ein Segen wäre. Manchmal stelle ich mir vor, dieses Auge mit einem Messer oder einer Rasierklinge zu entfernen. Man hat mir aber versichert, dass dies den Schmerz nicht stoppen würde.

Innerhalb von nicht einmal 3 Minuten beginnt der Rhythmus des Schmerzes, der anfangs meinem Puls glich, sich zu verändern. Das Stechen im Auge, dem vorderem rechten Schneidezahn und der rechten Halsseite wird häufiger und nimmt zu. Die Buchstaben vor meinen Augen verschwimmen, die Story die ich gelesen habe wird zu einem Wust schwarzer Druckbuchstaben und Satzzeichen, unterbrochen von manchmal fast verständlichen Satzgebilden, die für sich alleine aber keinen Sinn mehr ergeben. Ich bin jetzt fast ganz unten angekommen, lege das sinnlose Buch weg und mache mich bereit für den letzten verzweifelten Versuch, das Feuer in meinem Kopf zu löschen.

Doch bevor ich mein letztes Bollwerk gegen den Schmerz aktivieren kann, rauscht dieser, jedenfalls größtenteils, aus mir heraus. Es fühlt sich an wie ein Dammbruch: Eben noch waren die Nerven hinter meinem Auge wie abgeklemmt und wirkten wie ein Staudamm, dann fließt das Blut wieder ganz normal durch die malträtierten Adern, als wäre nichts gewesen. Es gleicht auf gewisse Weise dem Sog, der entsteht, wenn man das Wasser aus einer Badewanne ablässt: Ich fühle eine Art schmerzlosen, stetigen Sog hinter dem mittlerweile glasigen, rotgeäderten Auge, der den Schmerz einfach mit sich nimmt. Nur ein kleiner Restschmerz, vergleichbar mit einem Kater nach einer durchzechten Nacht, bleibt zurück.

Alles in allem hat diese durchschnittlich starke Attacke knappe 40 Minuten gedauert. Da ich weiß, dass der Restschmerz nicht auf Anhieb verschwinden wird, bleibe ich noch einige Minuten im Bad. Normalerweise wäre dies das Ende und ich könnte meinem normalen Leben nachgehen und vergessen, dass es diese Stunde meines Lebens überhaupt gab. Ich bin mittlerweile ein Meister des Verdrängens.

Doch während ich eigentlich schon das Ende der Attacke erwarte, nehmen das Pochen, das Stechen, das Ziehen schlagartig wieder zu, steigern sich zu einem Crescendo aus immer heftigeren, ja unglaublichen Schmerzwellen und spülen jedes bewusste Denken hinweg, zu dem ich mich vor ein oder zwei Minuten noch fähig wähnte.

Jeder gute Vorsatz, bricht unweigerlich unter dem Sturm der Pein zusammen und meine Atmung ändert sich zum fast hysterischen Intervall einer in den Wehen liegenden Frau. Scharf Luft holen, explosionsartiges ausstoßen, minutenlang, in der Hoffnung, die geänderte Atmung würde dem Schmerz etwas von seiner Wucht nehmen. Ich stehe vom Toilettensitz auf und strecke mich im Badezimmer aus, beginne auf Knien und Händen sinnlos im Kreis zu robben, während ich meinen Kopf rhythmisch frontal auf die Fliesen knalle. Im wahrsten Sinne des Wortes bin ich jetzt ganz unten angekommen.

Ich verspreche mir selbst, dass ich wenigstens den Anstand aufbringe, nicht mit dem Wimmern und Heulen zu beginnen. Ich schaffe es bis zum Ende des Schmerzsturms, von dem wieder eine geringe Dosis übrigbleibt, wie als Versprechen für das nächste Mal.

Tränen der Erleichterung benetzen mein Gesicht, als ich mir darüber klar werde, dass es erst einmal vorbei ist. Aber in meinem innersten weiß ich, dass es wahrscheinlich nie vorbei sein wird, die Attacken werden mich wohl bis zu meinem Tod begleiten.

Ich werde mein ganzes Leben auf Menschen treffen, die es nicht verstehen können, für die das Wort „unerträglicher Schmerz“ nur etwas ist, das sie aus Action-Filmen kennen, nur eine leere Worthülse, einfach dahergesagt und nicht verstanden.

Und für genau diese Menschen schreibe ich diesen Text.


Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.



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