Melatonin

Melatonin (N-Acetyl-5-methoxytryptamin) ist ein Hormon, das in der Zirbeldrüse (Epiphyse) – einem Teil des Zwischenhirns – aus Serotonin produziert wird und den Tag-Nacht-Rhythmus des menschlichen Körpers steuert. Chemisch gesehen handelt es sich um ein Alkaloid mit Tryptamin-Struktur.
Melatonin und Cluster-Kopfschmerz
Die europäische Leitlinie von 2023 führt Melatonin als Mittel der dritten Wahl („method of third choice“), also für den Fall, dass andere Mittel versagt haben, nennt es als Versuch bei Schlafproblemen und gibt als Dosis 10 mg an. Beim therapierefraktären Verlauf, bei dem die üblichen Mittel nicht helfen, hält sie es für unwirksam: „Not efficacious in refractory cluster headache“.[1] Die deutschsprachige Leitlinie von 2015 schrieb: „Einzelberichte beschreiben einen positiven Effekt von Topiramat und Melatonin.“[2] Sie war bis Mai 2020 gültig; eine Neufassung ist angemeldet, die Fertigstellung ist für Ende 2026 geplant.[3] Einordnung neben den anderen Vorbeugungsmitteln: Prophylaxe.
Was die Studien zeigen
- Melatoninspiegel: Eine Metaanalyse von 2020 fand Hinweise auf niedrigere nächtliche Melatoninspiegel im Blut während einer Episode. Für die Behandlung reichten die Daten aber nicht: „Overall, available data for the role use of MT in CH are insufficient and inconclusive.“ Zur Vorbeugung fand sie eine einzige randomisierte Studie und zwei Studien ohne Zufallszuteilung.[4]
- Die Studie von 1996 mit 10 mg Melatonin: 20 Teilnehmende, zwei davon mit chronischem Verlauf. Von den 10 mit Melatonin sprachen 5 an, in der Placebogruppe keiner; die chronisch Erkrankten sprachen nicht an.[5]
- Zwei Einzelfälle von 2001: zwei Menschen mit chronischem Verlauf, bei denen Melatonin die Attacken linderte.[6] Eine Studie mit Vergleichsgruppe ist das nicht.
- Eine Studie von 2002: neun Teilnehmende, sechs davon mit chronischem Verlauf, deren Attacken unter der üblichen Behandlung nicht ausreichend kontrolliert waren; Melatonin zusätzlich brachte keinen messbaren Unterschied.[7]
- Frei verkäufliche Produkte enthalten oft nicht die angegebene Menge: Eine Untersuchung von rund 30 Melatonin-Produkten fand Gehalte zwischen 83 Prozent unter und 478 Prozent über der Angabe auf der Packung, und in acht Produkten zusätzlich Serotonin.[8]
Der amerikanische Neurologe Todd D. Rozen hielt Melatonin 2005 für ein Mittel der ersten Wahl zur Vorbeugung, noch vor Verapamil, mit 9 mg zur Schlafenszeit.[9] Durchgesetzt hat sich diese Einschätzung nicht: Die Leitlinie nennt Verapamil das Mittel der Wahl und Melatonin die dritte Wahl.[1] Der Hamburger Kopfschmerzforscher Arne May sagte der Welt: „Es gibt allerdings Patienten mit Cluster-Kopfschmerzen, die darauf ansprechen, dann ist das Hormon natürlich sehr wertvoll. Aber es fehlen gute Studien.“[10]
Zulassung und Bezug in Deutschland
Als Arzneimittel ist Melatonin in Präparaten zugelassen, die ärztlich verordnet werden müssen: zur zeitlich begrenzten Behandlung von Schlafstörungen bei Menschen ab 55 Jahren sowie bei Kindern und Jugendlichen von 2 bis 18 Jahren mit Autismus-Spektrum-Störung oder Smith-Magenis-Syndrom.[11] Der Cluster-Kopfschmerz gehört nicht dazu; eine Verordnung dafür ist ein Gebrauch außerhalb der Zulassung, siehe Off-Label-Use beim Clusterkopfschmerz. Eines dieser Präparate, Circadin® mit 2 mg Melatonin in retardierter Form, hat die Europäische Arzneimittel-Agentur am 29. Juni 2007 für die gesamte Europäische Union zugelassen, zur kurzfristigen Behandlung der primären Insomnie bei Patienten ab 55 Jahren.[12] In Deutschland ist es seit Anfang 2008 erhältlich.[13] Circadin ist für bis zu 13 Wochen vorgesehen; die 10 mg, die die Leitlinie beim Cluster-Kopfschmerz nennt, liegen deutlich darüber.[14]
Daneben sind melatoninhaltige Nahrungsergänzungsmittel „in Drogerien, Apotheken sowie im Online-Handel in verschiedenen Darreichungsformen (Kapseln, Tropfen, Spray, Pulver oder Gummidrops) erhältlich“; bei einem Teil entspricht oder übersteigt die empfohlene Tagesdosis die übliche Dosierung zugelassener Arzneimittel.[11] Ob solche Erzeugnisse rechtlich Lebensmittel oder Arzneimittel sind, ist nach dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit „aktuell eine sehr umstrittene Frage“, und „auch die Rechtsprechung hierzu ist sehr uneinheitlich“.[15] In den USA ist Melatonin frei verkäuflich und als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich.
Sicherheit, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
Eine Metaanalyse zu Schlafstörungen fand Hinweise, dass eine kurzzeitige Einnahme unbedenklich ist: „There is evidence to suggest that melatonin is safe with short-term use (3 months or less).“[16] Das BfR sieht es 2024 kritischer. Schon vergleichsweise niedrige Dosen von 1 mg und weniger könnten unerwünschte Wirkungen haben; genannt werden unter anderem Schläfrigkeit, Kopfschmerzen, verringerte Aufmerksamkeit, verlängerte Reaktionszeit, Blutdruckabfall und morgendliche Benommenheit.
Die schlaffördernde Wirkung hielt teils bis in den nächsten Tag an, was die Teilnahme am Straßenverkehr beeinträchtigen kann. Von einer unkontrollierten Einnahme sollten nach dem BfR ausgenommen werden: Kinder und Jugendliche, Schwangere, Stillende und Frauen mit Kinderwunsch, Menschen mit eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion sowie Menschen mit einer Autoimmunerkrankung oder Epilepsie. Wer ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes hat, dem empfiehlt das BfR ärztliche Beratung vor und Kontrolle während der Einnahme. Wer andere Arzneimittel nimmt, solle vor der Einnahme ärztlichen Rat einholen.[11]
Die Fachinformation von Circadin nennt:[14]
- Autoimmunerkrankungen: keine Daten, die Anwendung wird „nicht empfohlen“.
- Leber und Nieren: bei eingeschränkter Leberfunktion „nicht empfohlen“; bei eingeschränkter Nierenfunktion Vorsicht, weil nicht untersucht.
- Schläfrigkeit: Vorsicht, wenn sie ein Sicherheitsrisiko darstellen könnte.
- Wechselwirkungen: Fluvoxamin erhöht den Melatoninspiegel stark — „Die Kombination muss daher vermieden werden.“ Vorsicht bei 5- oder 8-Methoxypsoralen, Cimetidin und Östrogenen, etwa in der Pille oder bei Hormonersatz, die den Spiegel erhöhen. Chinolon-Antibiotika können ihn erhöhen, Carbamazepin und Rifampicin senken; auch Rauchen kann ihn senken. Circadin „darf nicht zusammen mit Alkohol eingenommen werden“. Es kann die dämpfende Wirkung von Benzodiazepinen und von Schlafmitteln wie Zolpidem, Zaleplon und Zopiclon verstärken; zusammen mit Imipramin oder Thioridazin kam es zu stärkerer Ruhigstellung beziehungsweise Benommenheit.
- Nebenwirkungen: In den Studien berichteten 9,5 Prozent mit Circadin und 7,4 Prozent mit Scheinmedikament eine Nebenwirkung. Aufgeführt sind unter anderem Kopfschmerzen, Benommenheit, Schläfrigkeit, Reizbarkeit, Unruhe, Schlafstörungen, ungewöhnliche Träume und Albträume, Bauchschmerzen, Übelkeit und Juckreiz.[14] Alle Cluster-Mittel im Vergleich: Wirkweise, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen der Cluster-Mittel.
Vor der Einnahme von Melatonin sollte man sich unbedingt mit der Ärztin oder dem Arzt beraten.
Melatonin bei Migräne
In einer kontrollierten Studie zur vorbeugenden Behandlung der Migräne zeigte retardiertes Melatonin (Circadin® 2 mg, ca. eine Stunde vor dem Einschlafen eingenommen) keine signifikant bessere Wirkung gegenüber Placebo.[17] In einer anderen Studie mit 3 mg nicht retardiertem Melatonin (vollständig veröffentlicht 2016) nahmen 178 Teilnehmende ein Studienmittel und wurden drei Monate lang beobachtet. Unter Melatonin sank die Zahl der Migränetage im Mittel um 2,7, unter Amitriptylin 25 mg um 2,2 und unter dem Scheinmedikament um 1,1; Melatonin war damit dem Scheinmedikament überlegen und nach den Autoren so wirksam wie Amitriptylin.[18] Für den Cluster-Kopfschmerz sagt das nichts aus.
Literatur
CK-Wissen Forum
Externe Links
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 May A, Evers S, Goadsby PJ u. a.: European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache. Eur J Neurol 2023;30(10):2955–2979, PMID 37515405, doi:10.1111/ene.15956. Am 22.09.2026 im Volltext gelesen (frei zugängliche Fassung auf dem Server des European Board of Neurology): Abschnitt „Melatonin“ (S. 2969) und Tabelle 17 (S. 2973). Dort zu Melatonin: „Can be used if other medication has failed (method of third choice)“, „Can be tried in patients with sleep problems“, „10 mg orally“, „Not efficacious in refractory cluster headache“; zu Verapamil: „Preventive method of choice in episodic and chronic cluster“.
- ↑ Leitlinie "Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen". Herausgegeben von der Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie, der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft und dem Berufsverband deutscher Neurologen. Stand: 14.05.2015, gültig bis 13.05.2020; eine Neufassung ist angemeldet, geplante Fertigstellung 31.12.2026. - Online bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- ↑ AWMF-Leitlinienregister, Registernummer 030-036: „S1-Leitlinie Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen“, Art der Anmeldung „Überarbeitung“, Anmeldedatum 24.07.2025, geplante Fertigstellung 31.12.2026. Am 22.09.2026 gelesen.
- ↑ Liampas I, Siokas V, Brotis A u. a. (2020). "Meta-analysis of melatonin levels in cluster headache-Review of clinical implications". Acta Neurol Scand 142 (4): 356–367. doi:. PMID 32677039. Im Wortlaut: „Results were compatible with lower nocturnal serum MT levels during bouts“; zur Vorbeugung „one RCT and two non-randomized trials were retrieved“; Fazit: „Overall, available data for the role use of MT in CH are insufficient and inconclusive.“ Am 22.09.2026 über Europe PMC geprüft.
- ↑ Leone M, D'Amico D, Moschiano F u. a. (1996). "Melatonin versus placebo in the prophylaxis of cluster headache: a double-blind pilot study with parallel groups". Cephalalgia 16 (7): 494–496. doi:. PMID 8933994. 20 Patienten, 10 mg abends über 14 Tage; 5 von 10 sprachen an, in der Placebogruppe keiner; die beiden chronischen Patienten sprachen nicht an. Im Wortlaut der Zusammenfassung: „The chronic cluster patients did not respond.“ Am 22.09.2026 über Europe PMC geprüft.
- ↑ Peres MF, Rozen TD (2001). "Melatonin in the preventive treatment of chronic cluster headache". Cephalalgia 21 (10): 993–995. doi:. PMID 11843873. Im Wortlaut: „We report two chronic cluster headache patients who had both daytime and nocturnal attacks that were alleviated with melatonin.“ Am 22.09.2026 über Europe PMC geprüft.
- ↑ Pringsheim T, Magnoux E, Dobson CF, Hamel E, Aubé M (2002). "Melatonin as adjunctive therapy in the prophylaxis of cluster headache: a pilot study". Headache 42 (8): 787–792. doi:. PMID 12390642. Neun Teilnehmende, sechs mit chronischem und drei mit episodischem Verlauf, deren Attacken unter der üblichen Behandlung nicht ausreichend kontrolliert waren; je ein Monat Melatonin und Scheinmedikament in fester Reihenfolge. Im Wortlaut: „There were no significant differences between means on analysis of variance and t testing for the melatonin, placebo, and baseline months for all primary and secondary endpoints.“ Am 22.09.2026 über Europe PMC geprüft.
- ↑ Erland LA, Saxena PK (2017). "Melatonin Natural Health Products and Supplements: Presence of Serotonin and Significant Variability of Melatonin Content". J Clin Sleep Med 13 (2): 275–281. doi:. PMID 27855744. Im Wortlaut: „Melatonin content was found to range from -83% to +478% of the labelled content“; Serotonin „was identified in eight of the supplements“. Am 22.09.2026 über Europe PMC geprüft.
- ↑ TD Rozen: Cluster Headache – Diagnosis and Treatment. Touch Briefings 2005 (ins Deutsche übersetzt von Musica).
- ↑ www.welt.de: Das Dornröschen-Hormon ohne Wunderkraft
- ↑ 11,0 11,1 11,2 Bundesinstitut für Risikobewertung: Melatoninhaltige Nahrungsergänzungsmittel: BfR weist auf mögliche Gesundheitsrisiken hin. Stellungnahme 42/2024 vom 17. September 2024, doi:10.17590/20240917-100539-0. Am 22.09.2026 gelesen, Seiten 1, 2 und 8. In der Aufzählung der Arzneistoffe auf Seite 8 stehen die Schreibweisen „Fluvoxetin“ und „Imiprimin“; gemeint sind nach der Fachinformation von Circadin Fluvoxamin und Imipramin.
- ↑ Europäische Arzneimittel-Agentur: Circadin, EPAR, am 22.09.2026 gelesen. Im Wortlaut: „Circadin is indicated as monotherapy for the short-term treatment of primary insomnia characterised by poor quality of sleep in patients who are aged 55 or over.“ und „The European Commission granted a marketing authorisation valid throughout the European Union for Circadin to Neurim Pharmaceuticals EEC Limited on 29 June 2007.“
- ↑ Medknowledge.de: Melatonin (Circadin®) bei Schlafstörung. — nicht mehr erreichbar, geprüft am 22.09.2026
- ↑ 14,0 14,1 14,2 Circadin 2 mg Retardtabletten, Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels, Europäische Arzneimittel-Agentur, Produktinformation laut EMA zuletzt aktualisiert am 07.07.2025; am 22.09.2026 gelesen: Abschnitte 4.1, 4.2, 4.4 und 4.5; am 23.09.2026 zusätzlich 4.8 und 5.1. 4.8: „In klinischen Prüfungen berichteten insgesamt 9,5 % der Patienten, die Circadin erhielten, eine Nebenwirkung im Vergleich zu 7,4 % der Patienten, die das Plazebo erhielten.“ Aufgeführt u. a. Reizbarkeit, Nervosität, Rastlosigkeit, Insomnie, anormale Träume, Albträume, Kopfschmerzen, Benommenheit, Somnolenz, Bauchschmerzen, Übelkeit, Juckreiz. 5.1: Melatonin „ist ein natürlicherweise vorkommendes Hormon, das von der Zirbeldrüse produziert wird und mit dem Serotonin strukturverwandt ist.“
- ↑ Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Gerichtsverfahren des BVL zu melatoninhaltigen Erzeugnissen – Abgrenzung Lebensmittel / Arzneimittel, am 22.09.2026 gelesen. Im Wortlaut: „Die Einstufung melatoninhaltiger Erzeugnisse als Lebens- oder Arzneimittel ist aktuell eine sehr umstrittene Frage. Auch die Rechtsprechung hierzu ist sehr uneinheitlich.“ Das dort beschriebene Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Braunschweig (5 A 113/13, ein Erzeugnis mit 3 mg Melatonin je Kapsel) endete 2018 durch Klagerücknahme, ohne Entscheidung in der Sache.
- ↑ Buscemi N, Vandermeer B, Hooton N u. a. (2005). "The efficacy and safety of exogenous melatonin for primary sleep disorders. A meta-analysis". J Gen Intern Med 20 (12): 1151–1158. doi:. PMID 16423108. Volltext bei PubMed Central. Im Wortlaut: „There is evidence to suggest that melatonin is safe with short-term use (3 months or less).“ Am 22.09.2026 geprüft.
- ↑ Alstadhaug, KB.; Odeh, F.; Salvesen, R.; Bekkelund, SI. (Oct 2010). "Prophylaxis of migraine with melatonin: a randomized controlled trial.". Neurology 75 (17): 1527-32. doi:. PMID 20975054.
- ↑ Gonçalves AL, Martini Ferreira A, Ribeiro RT, Zukerman E, Cipolla-Neto J, Peres MF (2016). "Randomised clinical trial comparing melatonin 3 mg, amitriptyline 25 mg and placebo for migraine prevention". J Neurol Neurosurg Psychiatry 87 (10): 1127–1132. doi:. PMID 27165014. Titel und Autoren entsprechen dem Kongressbeitrag von 2013. Am 22.09.2026 über Europe PMC geprüft.
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