Valproinsäure
Aus der Leitlinie der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) 2005:
"In nur wenigen, meist offenen Studien wurde Valproinsäure eingesetzt. Die Ergebnisse waren unterschiedlich. Nach Erfahrungen der Autoren kann dieser Therapieversuch bei Wirkungslosigkeit der anderen Optionen im Einzelfall unternommen werden. Valproinsäure wird initial mit 5-10mg/kg Körpergewicht begonnen und sukzessive bis 20mg/kg Körpergewicht gesteigert. Der Wirkungseintritt kann bis zu 4 Wochen brauchen.
Nebenwirkungen können sein: Haarausfall, Gewichtszu- oder –abnahme, Leberfunktionsstörungen, Ödeme, Kopfschmerzen, Müdigkeit, selten Störungen der Blutgerinnung und Blutbildveränderungen.
Bei schweren Leberfunktions- oder Bauchspeicheldrüsenstörungen, schwerem Lupus erythematodes und Störungen der Bildung des roten Blutfarbstoffes (Porphyrie) sollte Valproinsäure nicht eingenommen werden."
Europäische Leitlinie 2023 und Fachinformation
Was die europäische Leitlinie von 2023 sagt: Sie führt Valproinsäure als Mittel der dritten Wahl, wenn andere Mittel versagt haben. Als Grundlage nennt sie keine Studie, sondern eine Einschätzung der Fachleute („Consensus statement“), und schreibt dazu: „Only one trial indicating preventative efficacy“. Bis zur Wirkung könne es bis zu 4 Wochen dauern; begonnen werde mit 5 bis 10 mg pro kg Körpergewicht, gesteigert alle 4 Tage bis 20 mg pro kg, bei Erwachsenen etwa 1.200 mg am Tag.[1] Die Dosierung der DMKG-Empfehlung von 2005 stimmt damit überein. Eine Studie mit Scheinmedikament war allerdings negativ: 50 Prozent besserten sich mit Valproinsäure, 62 Prozent mit Placebo; siehe Studien zum Cluster-Kopfschmerz.
Was die Fachinformation sagt (Ergenyl chrono, Stand Oktober 2025):[2]
- Zulassung: Epilepsie und manische Episoden bei einer bipolaren Störung, wenn Lithium nicht geht; der Cluster-Kopfschmerz ist nicht dabei.[2]
- Wirkweise: vermutlich eine Verstärkung der hemmenden Wirkung des Botenstoffs GABA.[2]
- Nebenwirkungen: sehr häufig Zittern, Übelkeit und ein erhöhter Ammoniakspiegel im Blut; häufig unter anderem Schläfrigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Erbrechen, Durchfall, Haarausfall und Blutbildveränderungen. Ausführlich warnt die Fachinformation vor schweren Schäden an Leber und Bauchspeicheldrüse, die tödlich verlaufen können.[2]
- Schwangerschaft und Kinderwunsch: Bei Frauen im gebärfähigen Alter nur unter den Bedingungen eines Schwangerschaftsverhütungsprogramms. Auch Männer sollen aufgeklärt werden: Nach einer Beobachtungsstudie hatten Kinder häufiger Entwicklungsstörungen des Nervensystems, wenn der Vater in den drei Monaten vor der Zeugung Valproat nahm. Empfohlen wird, während der Einnahme und drei Monate danach zuverlässig zu verhüten; eine Samenspende soll in dieser Zeit nicht erfolgen.[2] Siehe auch Schwangerschaft.
- Wechselwirkungen: Carbapeneme (Reserve-Antibiotika) senken den Valproatspiegel innerhalb von etwa zwei Tagen um 60 bis 100 Prozent; die Kombination soll gemieden werden. Zusammen mit Topiramat kann zu viel Ammoniak ins Blut gelangen, bis zur Beeinträchtigung des Gehirns. Blutverdünner und ASS erhöhen die Blutungsneigung; die Pille und Rifampicin können den Valproatspiegel senken; Alkohol kann die Leberschädlichkeit verstärken. Den Lithiumspiegel verändert Valproinsäure nach der Fachinformation nicht.[2]
- Mit Natriumoxybat (4-Hydroxybutansäure): Laut der Fachinformation von Natriumoxybat (Xyrem) wurden bei gemeinsamer Einnahme mit Valproat Wechselwirkungen beobachtet, die die Menge im Blut und die Wirkung betreffen; ist die gemeinsame Einnahme gerechtfertigt, soll eine Anpassung der Dosis erwogen werden.[3]
- Mit dem Narkosemittel Propofol: Laut dessen Fachinformation brauchten Menschen, die Valproat einnehmen, niedrigere Propofol-Dosen.[4]
- Alle Cluster-Mittel im Vergleich: Wirkweise, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen der Cluster-Mittel.
Einzelnachweise
- ↑ May A, Evers S, Goadsby PJ u. a.: European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache. Eur J Neurol 2023;30(10):2955–2979, PMID 37515405, doi:10.1111/ene.15956. Am 23.09.2026 im Volltext gelesen (frei zugängliche Fassung), Tabelle 17, S. 2973, Zeile „Valproic acid“: Evidenz „Consensus statement“; im Wortlaut „Only one trial indicating preventative efficacy“, „Can be used if other medication has failed (method of third choice)“, „Reaching efficacy can take up to 4 weeks“, „Initially 5–10 mg/kg body weight, increase every 4 days by 5 mg (up to 20 mg/kg body weight)“, „In adults ~1200 mg (3 × 400 mg) per day“.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 Fachinformation Ergenyl chrono 300 mg/500 mg (Valproinsäure/Natriumvalproat), Stand der Information Oktober 2025, am 23.09.2026 gelesen. 4.1: Epilepsie; „Behandlung von manischen Episoden bei einer bipolaren Störung, wenn Lithium kontraindiziert ist oder nicht vertragen wird.“ 4.3: u. a. Leber- und schwere Pankreasfunktionsstörungen, Blutgerinnungsstörungen; bei Epilepsie in der Schwangerschaft nur, wenn es keine geeignete Alternative gibt, bei bipolarer Störung in der Schwangerschaft gar nicht; bei Frauen im gebärfähigen Alter nur, wenn „die Bedingungen des Schwangerschaftsverhütungsprogramms“ eingehalten werden. 4.4, männliche Patienten: „Eine retrospektive Beobachtungsstudie weist auf ein erhöhtes Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen bei Kindern hin, deren Väter in den drei Monaten vor der Zeugung mit Valproat behandelt wurden“; zuverlässige Verhütung während der Anwendung und drei Monate danach in Betracht ziehen; keine Samenspende. 4.5: Carbapeneme: „60- bis 100%igen Senkung der Valproinsäurespiegel in etwa 2 Tagen“, „eine gleichzeitige Anwendung sollte daher vermieden werden“; Topiramat: Enzephalopathie und/oder Hyperammonämie; Lamotrigin: Halbwertszeit „auf fast das Doppelte“, Risiko von Hautreaktionen; Acetylsalicylsäure verdrängt Valproinsäure aus der Eiweißbindung; Antikoagulanzien oder Antiaggreganzien: „erhöhter Blutungsneigung“; Rifampicin und östrogenhaltige Mittel einschließlich hormoneller Kontrazeptiva können den Valproatspiegel senken; Alkohol kann die Lebertoxizität verstärken; „Ergenyl chrono hat keinen Effekt auf den Lithiumserumspiegel.“ 4.8: sehr häufig Tremor, Übelkeit, Hyperammonämie; häufig u. a. Schläfrigkeit, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Erbrechen, Diarrhö, Haarausfall, Anämie, Thrombozytopenie. 5.1: angenommen wird „eine Erhöhung der GABA-mediierten Inhibition“.
- ↑ Fachinformation Xyrem 500 mg/ml Lösung zum Einnehmen (Natriumoxybat), Stand September 2021, Abschnitt 4.4: „Vorsicht ist geboten bei Patienten, die gleichzeitig mit Valproat oder anderen GHB-Dehydrogenase-Inhibitoren behandelt werden, da pharmakokinetische und pharmakodynamische Wechselwirkungen bei gleichzeitiger Einnahme von Natriumoxybat zusammen mit Valproat beobachtet wurden […]. Wenn die gleichzeitige Einnahme gerechtfertigt ist, dann ist eine Anpassung der Dosierung in Erwägung zu ziehen“. Gelesen am 23.09.2026.
- ↑ Fachinformation DISOPRIVAN 1 % (Propofol), Stand der Information August 2025, Abschnitte 4.1, 4.2, 4.3, 4.5 und 4.8, am 23.09.2026 gelesen. 4.1: kurz wirkendes intravenöses Narkosemittel (Narkose, Sedierung). 4.5 im Wortlaut: „Bei Patienten, die mit Rifampicin behandelt wurden, ist über einen ausgeprägten Blutdruckabfall bei einer mit Propofol induzierten Anästhesie berichtet worden. Bei einer zusätzlichen Opiatprämedikation kann Apnoe vermehrt und zeitlich verlängert auftreten. Bei Patienten, die Valproat einnehmen, wurde die Notwendigkeit niedrigerer Propofol-Dosen beobachtet.“; Midazolam: „verstärkten Sedierung und Atemdepression“. 4.8: „Die am häufigsten berichteten Nebenwirkungen sind pharmakologisch vorhersehbare Effekte von Narkotika/Sedativa, wie z. B. Hypotension und Atemdepression.“
Literatur
Externe Links
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