Galcanezumab
Galcanezumab (Handelsname Emgality) ist ein Wirkstoff des Unternehmens Eli Lilly zur Vorbeugung von Kopfschmerzen. Er gehört zu den CGRP-Antikörpern und ist in der Europäischen Union seit November 2018 zur Vorbeugung der Migräne zugelassen.[1] Beim Cluster-Kopfschmerz wurde er in zwei Studien mit einem Scheinmedikament verglichen: Beim episodischen Verlauf war das Ergebnis knapp positiv, beim chronischen Verlauf fand sich kein gesicherter Vorteil.[2][3] Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat Galcanezumab 2019 für den episodischen Cluster-Kopfschmerz zugelassen; die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hat 2020 empfohlen, diese Erweiterung abzulehnen.[4][5]
Was Galcanezumab ist und wie es wirkt
Galcanezumab ist ein im Labor hergestellter Antikörper. Laut Fachinformation bindet er an den Botenstoff CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) „und unterbindet dessen biologische Aktivität“.[6] Er wird unter die Haut gespritzt (subkutan).
Der Körper baut Galcanezumab langsam ab: Die Halbwertszeit beträgt 27 Tage – nach knapp vier Wochen ist also erst die Hälfte abgebaut.[6]
Bei der Migräne beträgt die Dosis 120 mg im Monat, zu Beginn einmalig 240 mg.[6] In den Studien zum Cluster-Kopfschmerz wurde mehr gegeben: 300 mg einmal im Monat.[2][3] Die US-Fachinformation sieht beim episodischen Cluster-Kopfschmerz 300 mg zu Beginn einer Episode vor – drei Spritzen zu je 100 mg – und danach eine Gabe pro Monat bis zum Ende der Episode.[7]
Die Studien beim Cluster-Kopfschmerz
Beide Studien verglichen Galcanezumab mit einem Scheinmedikament (Placebo). Wer was bekam, wurde ausgelost, und weder Teilnehmende noch Studienärzte wussten es (doppelblind).[8][3]
Episodischer Verlauf
Die Studie erschien 2019 im New England Journal of Medicine; bezahlt hat sie Eli Lilly. Teilnehmen konnte, wer in einer Vorlaufphase mindestens jeden zweiten Tag eine Attacke hatte und wessen frühere Episoden mindestens sechs Wochen gedauert hatten. Die Teilnehmenden bekamen zu Beginn und nach einem Monat 300 mg Galcanezumab oder das Scheinmedikament.[2]
Geplant waren 162 Teilnehmende. Die Aufnahme wurde vorher gestoppt, weil zu wenige Freiwillige die Bedingungen erfüllten. Aufgenommen wurden 106 Personen: 49 bekamen Galcanezumab, 57 das Scheinmedikament. Vorher hatten sie im Mittel knapp 18 Attacken pro Woche – etwa zweieinhalb am Tag.[2]
Das Hauptziel war die Zahl der Attacken pro Woche in den ersten drei Wochen. Sie sank unter Galcanezumab um 8,7, unter dem Scheinmedikament um 5,2. Der Unterschied betrug 3,5 Attacken pro Woche – also etwa eine Attacke weniger an jedem zweiten Tag. Das Ergebnis war statistisch knapp gesichert (p = 0,04). Der 95-%-Vertrauensbereich reicht aber von 0,2 bis 6,7 Attacken pro Woche; der tatsächliche Vorteil kann also auch sehr klein sein.[2]
In der dritten Woche hatten 71 % der Teilnehmenden mit Galcanezumab höchstens noch halb so viele Attacken wie vorher – gut sieben von zehn. Mit dem Scheinmedikament waren es 53 %, also gut die Hälfte.[2] Auch ohne Wirkstoff ging die Zahl der Attacken also deutlich zurück.
Chronischer Verlauf
Die Studie erschien 2020 in der Fachzeitschrift Cephalalgia. 237 Teilnehmende bekamen drei Monate lang einmal im Monat 300 mg Galcanezumab (117 Personen) oder das Scheinmedikament (120 Personen); danach folgte eine offene Verlängerung.[3]
Das Hauptziel war die Zahl der Attacken pro Woche über die zwölf Wochen. Sie sank unter Galcanezumab um 5,4 und unter dem Scheinmedikament um 4,6 – ein Unterschied von knapp einer Attacke pro Woche, der statistisch nicht gesichert war (p = 0,334). Eine Halbierung der Attacken erreichten im Mittel 32,6 % mit Galcanezumab und 27,1 % mit Scheinmedikament – etwa jede oder jeder Dritte gegenüber gut jeder oder jedem Vierten; auch das war nicht gesichert (p = 0,170). Die Behandlung erreichte weder ihr Hauptziel noch die wichtigsten Nebenziele.[3]
Was die Leitlinie empfiehlt
Die Leitlinie der European Academy of Neurology (EAN) von 2023 fasst zusammen: „One positive RCT for episodic but not chronic cluster headache“ – eine positive Studie beim episodischen, aber nicht beim chronischen Cluster-Kopfschmerz. Beim chronischen Verlauf sei Galcanezumab „not more efficacious than placebo“ gewesen, also nicht wirksamer als ein Scheinmedikament.[8]
Die Empfehlung lautet: „Weak recommendation for galcanezumab in episodic cluster headache based on a low level of evidence.“ Das heißt: eine schwache Empfehlung beim episodischen Verlauf, gestützt auf Belege von niedriger Qualität. Grundlage ist die eine Studie mit 106 Teilnehmenden; die Ungenauigkeit ihres Ergebnisses bewertet die Leitlinie als „very serious“ – sehr schwerwiegend.[8] Welche Mittel die Leitlinie sonst zur Vorbeugung empfiehlt, steht unter Cluster-Kopfschmerz Prophylaxe.
Zulassung und Kosten
USA. Die FDA hat Galcanezumab am 4. Juni 2019 zusätzlich „for the treatment of episodic cluster headache in adults“ zugelassen – zur Behandlung des episodischen Cluster-Kopfschmerzes bei Erwachsenen.[4] Die US-Fachinformation (Stand Juni 2026) nennt diese Anwendung weiterhin, neben der Migräne; den chronischen Verlauf nennt sie nicht.[7]
Europäische Union. Eli Lilly beantragte, die Zulassung um die Vorbeugung von Attacken beim episodischen Cluster-Kopfschmerz zu erweitern. Die EMA empfahl am 27. Februar 2020, dies abzulehnen: Die einzige Studie habe nicht eindeutig gezeigt, dass Emgality Attacken vorbeugt; der Nutzen überwiege nicht die Risiken.[5] Im Bewertungsbericht heißt es, die kleine Wirkung und die geringe Teilnehmerzahl erhöhten „the risk of chance finding“ – das Risiko, dass das Ergebnis Zufall ist. Die Studie beim chronischen Verlauf zeigte laut Bericht keinen statistisch gesicherten Vorteil.[9] Laut der Seite der EMA (zuletzt aktualisiert im Januar 2026) ist Emgality weiterhin nur zur Migräne-Vorbeugung zugelassen, bei Erwachsenen mit mindestens vier Migränetagen im Monat.[1]
Off-Label-Use in Deutschland. Beim Cluster-Kopfschmerz wäre Galcanezumab deshalb ein Gebrauch außerhalb der Zulassung (Off-Label-Use). Der Gemeinsame Bundesausschuss nennt dafür die Bedingungen aus einem Urteil des Bundessozialgerichts vom 19. März 2002: Die gesetzliche Krankenversicherung kann die Kosten übernehmen, wenn eine „schwerwiegende lebensbedrohliche oder die Lebensqualität auf Dauer nachhaltig beeinträchtigende Erkrankung“ behandelt wird, für die „keine andere Therapie verfügbar ist“, und wenn nach der Datenlage „die begründete Aussicht besteht“, dass die Behandlung Erfolg hat.[10] Mehr dazu unter Off-Label-Use beim Clusterkopfschmerz.
Ob Galcanezumab infrage kommt, gehört in das Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.
Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
In den Cluster-Studien. Beim episodischen Verlauf unterschieden sich die Nebenwirkungen zwischen den Gruppen kaum – bis auf Schmerzen an der Einstichstelle bei 8 % der Teilnehmenden mit Galcanezumab, also bei etwa acht von hundert.[2] Beim chronischen Verlauf hatten 11,1 % mit Galcanezumab und 9,2 % mit Scheinmedikament Schmerzen an der Einstichstelle – in beiden Gruppen etwa eine oder einer von zehn. Eine Rötung dort trat mit Galcanezumab häufiger auf: bei 6,8 % gegenüber 0,8 %, also bei etwa sieben von hundert gegenüber weniger als einem von hundert. Wegen Nebenwirkungen brach in jeder Gruppe eine Person die Behandlung ab.[3]
Laut Fachinformation. Die deutsche Fachinformation gilt für die Migräne-Dosis und erwähnt den Cluster-Kopfschmerz nicht. Sehr häufig – bei mindestens einer von zehn behandelten Personen – sind Schmerzen und andere Reaktionen an der Injektionsstelle; die meisten waren leicht bis mittelschwer und verschwanden im Durchschnitt innerhalb von fünf Tagen. Genannt werden außerdem unter anderem Schwindel (Vertigo), Verstopfung, Juckreiz und Hautausschlag. Selten – bei weniger als einer von tausend Personen – kam es zu Anaphylaxie (einer schweren allergischen Reaktion) und Angioödem (Schwellungen von Haut und Schleimhäuten). Schwere Überempfindlichkeitsreaktionen können innerhalb eines Tages auftreten; berichtet wurden aber auch Fälle, die erst mehr als einen Tag bis vier Wochen nach der Spritze begannen.[6]
Bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile darf Galcanezumab nicht angewendet werden. Zur Schwangerschaft gibt es nur wenige Daten; als Vorsichtsmaßnahme soll Galcanezumab dann laut Fachinformation möglichst nicht angewendet werden.[6]
Wechselwirkungen. Laut Fachinformation „wurden keine Wechselwirkungsstudien durchgeführt“. Aufgrund der Eigenschaften von Galcanezumab seien aber keine pharmakokinetischen Wechselwirkungen zu erwarten – also keine Einflüsse darauf, wie der Körper andere Medikamente aufnimmt und abbaut.[6]
Siehe auch
- Cluster-Kopfschmerz Prophylaxe
- Episodischer Cluster-Kopfschmerz
- Chronischer Cluster-Kopfschmerz
- Wirkweise, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen der Cluster-Mittel
- Studien zum Cluster-Kopfschmerz
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 Europäische Arzneimittel-Agentur: Emgality (galcanezumab) – EPAR, abgerufen am 23.09.2026.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 Goadsby PJ, Dodick DW, Leone M, Bardos JN, Oakes TM, Millen BA, Zhou C, Dowsett SA, Aurora SK, Ahn AH, Yang JY, Conley RR, Martinez JM (2019). "Trial of Galcanezumab in Prevention of Episodic Cluster Headache". N Engl J Med 381 (2): 132–141. doi:. PMID 31291515.
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 Dodick DW, Goadsby PJ, Lucas C, Jensen R, Bardos JN, Martinez JM, Zhou C, Aurora SK, Yang JY, Conley RR, Oakes T (2020). "Phase 3 randomized, placebo-controlled study of galcanezumab in patients with chronic cluster headache: Results from 3-month double-blind treatment". Cephalalgia 40 (9): 935–948. doi:. PMID 32050782.
- ↑ 4,0 4,1 U.S. Food and Drug Administration: Zulassungsschreiben BLA 761063/S-003 (Emgality), 04.06.2019, abgerufen am 23.09.2026.
- ↑ 5,0 5,1 Europäische Arzneimittel-Agentur: Questions and answers on the refusal of a change to the marketing authorisation for Emgality (galcanezumab), EMA/95744/2020, 28.02.2020, abgerufen am 23.09.2026.
- ↑ 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4 6,5 Emgality: Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels und Packungsbeilage (deutsche Produktinformation, EMA), abgerufen am 23.09.2026.
- ↑ 7,0 7,1 DailyMed (U.S. National Library of Medicine): EMGALITY (galcanezumab-gnlm) – US-Fachinformation, Stand 06/2026, abgerufen am 23.09.2026.
- ↑ 8,0 8,1 8,2 May A, Evers S, Goadsby PJ, et al. (2023). "European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache". Eur J Neurol 30: 2955–2979. doi:. PMID 37515405.
- ↑ Europäische Arzneimittel-Agentur: Emgality – Refusal public assessment report, EMA/CHMP/137303/2020, 27.02.2020, abgerufen am 23.09.2026.
- ↑ Gemeinsamer Bundesausschuss: FAQ zum Thema Off-Label-Use, abgerufen am 23.09.2026.