Dihydroergotamin

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Dihydroergotamin (kurz DHE) ist ein vom Mutterkornalkaloid Ergotamin abgeleiteter Arzneistoff, der zur Therapie von Kreislaufstörungen sowie zur Prophylaxe und Therapie der Migräne und des Cluster-Kopfschmerzes[1] eingesetzt wurde. Beim Cluster-Kopfschmerz beschreibt die europäische Leitlinie von 2023 unter anderem eine Infusion über drei bis fünf Tage im Krankenhaus für Menschen, denen andere Mittel nicht helfen. Die Hinweise auf eine Wirkung der Infusion stammen aus rückblickenden Auswertungen von Krankenakten und aus Befragungen; bestätigt hat sie keine randomisierte kontrollierte Studie (S. 2963 und S. 2969).[2][3]

In Deutschland ist Dihydroergotamin seit Februar 2014 nicht mehr verkehrsfähig; beanstandet wurden im europäischen Verfahren genau die genannten Kreislaufanwendungen und die Migränevorbeugung. Einzelheiten unten.

Zulassung und Leitlinien

Die deutsche Leitlinie von 2015 ist seit dem 13.05.2020 abgelaufen; eine Überarbeitung ist im AWMF-Register seit dem 24.07.2025 angemeldet, geplante Fertigstellung 31.12.2026.[4]

Warum es das Mittel in Deutschland nicht mehr gibt

Dihydroergotamin gehört zu den Mutterkornalkaloid-Derivaten, die die europäischen Arzneimittelbehörden gemeinsam überprüft haben. Anlass war, dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis für bestimmte Anwendungsgebiete nicht mehr als günstig angesehen wurde. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) setzte den Beschluss der Europäischen Kommission mit Bescheid vom 27. November 2013 für den deutschen Markt um. Zum 1. Februar 2014 wurde das Ruhen der Zulassungen angeordnet. Das BfArM begründet diese Frist ausdrücklich damit, dass sie Patienten die Möglichkeit geben sollte, „sich im Rahmen eines normalen Arztbesuches auf eine andere Behandlung umstellen zu lassen"; die betroffenen Firmen hatten zuvor mit einem Rote-Hand-Brief informiert.[5]

Entscheidend für das Verständnis — und der Grund, warum die Angaben zu den Nachbarländern nicht widersprüchlich sind: Das Verfahren betraf nicht die Akutbehandlung. Als ungünstig bewertet wurden nach der Aufstellung des BfArM allein diese drei Anwendungsgebiete: „Vorbeugung von migräneartigen Kopfschmerzen", „Niedriger Blutdruck (orthostatische Hypotonie)" und „Symptomatische Behandlung einer venös-lymphatischen Insuffizienz". Die Behandlung eines bereits laufenden Anfalls stand nicht zur Debatte.[5]

Das Ruhen der Zulassung wurde danach wiederholt verlängert: mit Bescheiden vom 30.01.2015, vom 27.01.2016, vom 15.01.2018 und vom 10.01.2020, letzteres bis zum 01.02.2022. Zur Begründung hielt das BfArM fest, die Zulassungsinhaber hätten nach den Bedingungen des Anhangs IV eine Patientengruppe benennen müssen, bei der der Nutzen die Risiken überwiegt — „was bis heute nicht erfolgt ist". Im Eintrag vom 22.02.2022 steht schließlich der heute geltende Satz: „In Deutschland sind keine dihydroergotaminhaltigen Arzneimittel mehr zugelassen. Das Risikobewertungsverfahren dihydroergotaminhaltiger Arzneimittel hat somit aktuell keine Relevanz mehr für in Deutschland zugelassene Arzneimittel."[5]

Ein Ruhen der Zulassung ist übrigens nicht dasselbe wie ein Widerruf: Die Zulassung besteht formal weiter, darf aber nicht genutzt werden. Dass zwischen 2014 und 2022 viermal verlängert statt endgültig entschieden wurde, erklärt, warum ältere Texte den Wirkstoff teils noch als vorhanden beschreiben.

Österreich und Schweiz

In Österreich sind zwei dihydroergotaminhaltige Präparate weiterhin im Handel: das Nasenspray Migranal® 4 mg/ml (Zulassungsnummer 1-22574) und Dihydergot® 2,5 mg Tabletten (Zulassungsnummer 1-16750). Beide tragen nur das Anwendungsgebiet Migräne und dienen der Behandlung des akuten Anfalls — was genau zu dem passt, was das europäische Verfahren beanstandet hat und was nicht. Für die Tablette ist die Einstellung des Inverkehrbringens gemeldet.[6]

In der Schweiz wurde der Vertrieb eingestellt.[7]

Was die europäische Leitlinie von 2023 sagt

Die derzeit führende Quelle ist die Leitlinie der Europäischen Akademie für Neurologie von 2023.[2] Sie nennt Dihydroergotamin weiterhin, führt es in ihren Tabellen 16 und 17 aber als Konsensusaussage ohne Evidenzbewertung — also als Erfahrungsempfehlung der Autorengruppe, nicht als Ergebnis kontrollierter Studien. Zur Darreichungsform schreibt sie, Dihydroergotamin lasse sich am besten „as aerosol spray, as suppository (no first path effect), or as subcutaneous injection" anwenden.[2] Ergotamin-Zäpfchen nennt die Leitlinie an anderer Stelle, und zwar zur kurzfristigen Vorbeugung, nicht zur Behandlung der Attacke (S. 2963 und S. 2968).[8] Mehr dazu auf der Seite Ergotamin.

Und sie hält die praktische Einschränkung selbst fest: „However, ergotamine and DHE are not available in many European countries." Für Deutschland heißt das: Hier sind keine Arzneimittel mit Dihydroergotamin mehr zugelassen, also auch keine für die Infusion.[2][5]


Wechselwirkungen

Eine deutsche Fachinformation für Dihydroergotamin gibt es nicht mehr, weil in Deutschland keine Arzneimittel mit diesem Wirkstoff mehr zugelassen sind (siehe oben).[5] Wichtig bleibt eine Regel aus der Fachinformation der Sumatriptan-Spritze: Sumatriptan darf nicht gleichzeitig mit Ergotamin oder mit Mitteln angewendet werden, die aus Ergotamin abgeleitet sind[9] – Dihydroergotamin ist ein solches Mittel (siehe den ersten Satz dieser Seite). Die Regeln für das verwandte Ergotamin stehen unter Ergotamin: Wirkweise, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen.

Literatur

  • Tfelt-Hansen PC, Diener HC (May 2014). "Use of Dihydroergotamine (DHE) Should Be Restricted to No More Than Twice a Week". Headache. doi:10.1111/head.12389. PMID 24862945. 
  • Shrewsbury SB, Cook RO, Taylor G, Edwards C, Ramadan NM.: Safety and Pharmacokinetics of Dihydroergotamine Mesylate Administered Via a Novel (Tempo™) Inhaler. Headache. 2008 March; 48(3): 355–367. PMID 18179563, DOI.
  • Rothrock JF.: Patient information regarding subcutaneous self-administration of dihydroergotamine (DHE). Headache. 2007 May; 47(5): 740. PMID 17501862, DOI.
  • Magnoux E, Zlotnik G.: Outpatient intravenous dihydroergotamine for refractory cluster headache. Headache. 2004 Mar; 44(3): 249-55. PMID 15012663 DOI.
  • Andersson PG, Jespersen LT.: Dihydroergotamine nasal spray in the treatment of attacks of cluster headache. A double-blind trial versus placebo. Cephalalgia. 1986 Mar; 6(1): 51-4. PMID 3516408 DOI

Externe Links

Einzelnachweise

  1. ↑ Leitlinie "Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen". Herausgegeben von der Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie, der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft und dem Berufsverband deutscher Neurologen. Stand: 14.05.2015, gültig bis 13.05.2020; eine Neufassung ist angemeldet, geplante Fertigstellung 31.12.2026. - Online bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  2. ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 May A, Evers S, Goadsby PJ, Leone M, Manzoni GC, Pascual J, Carvalho V, Romoli M, Aleksovska K, Pozo-Rosich P, Jensen RH, European Academy of Neurology Task Force: European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache. European Journal of Neurology 2023; 30(10): 2955–2979. PMID 37515405 DOI
  3. ↑ Magnoux E, Zlotnik G.: Outpatient intravenous dihydroergotamine for refractory cluster headache. Headache. 2004 Mar; 44(3): 249-55. PMID 15012663 DOI.
  4. ↑ AWMF-Registereintrag 030-036 „Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen", abgerufen am 21.09.2026: Status „Angemeldet", Art der Anmeldung „Überarbeitung", angemeldete Klasse S1, Anmeldedatum 24.07.2025, geplante Fertigstellung 31.12.2026; Koordination PD Dr. Tim Jürgens (Güstrow) und Prof. Gudrun Goßrau (Dresden).
  5. ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 BfArM, Risikoinformationen: „Dihydroergotamin und Dihydroergotoxin: Ungünstiges Nutzen-Risiko-Verhältnis", Seite am 22.09.2026 gelesen; die Seite führt die Einträge vom 01.04.2014, 03.02.2015, 29.01.2016, 15.01.2018, 13.01.2020 und 22.02.2022 mit den jeweiligen Bescheiden.
  6. ↑ Fachinformationen Migranal® 4 mg/ml Nasalspray (Z.Nr. 1-22574) und Dihydergot® 2,5 mg Tabletten (Z.Nr. 1-16750), beide Stand 09/2025, im Arzneispezialitätenregister des BASG. Ein erneuter Abfrageversuch am 22.09.2026 scheiterte am Werkzeug: Die Wirkstoff-Vorschlagsliste des Registers meldete auch für sicher verzeichnete Wirkstoffe „Keine Optionen verfügbar". Der hier wiedergegebene Stand ist daher der zuletzt gelesene und nicht am 22.09.2026 neu bestätigt.
  7. ↑ PharmaWiki: Dihydroergotamin, Stand 01.05.2025.
  8. ↑ May A, Evers S, Goadsby PJ u. a. (2023). "European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache". Eur J Neurol 30 (10): 2955-2979. doi:10.1111/ene.15956. PMID 37515405.  Am 23.09.2026 im Volltext gelesen (PDF-Fassung). S. 2963: „Due to poor oral absorption and the need for a rapid increase in plasma levels, dihydroergotamine (DHE) is best applied as aerosol spray, as suppository (no first path effect), or as subcutaneous injection“; „Ergotamine tartrate suppositories are not able to abort attacks because of the slow onset of action but may be used as short-term prophylaxis (see preventative drug treatment).“ S. 2968: „A further option is ergotamine tartrate (2 mg oral or suppository), if available.“
  9. ↑ Fachinformation Imigran-Inject 6 mg/0,5 ml Injektionslösung (Sumatriptan), Stand der Information Mai 2026, Abschnitte 4.1, 4.3, 4.4 und 4.5, am 23.09.2026 gelesen. Anwendungsgebiet: „Akute Behandlung von Migräneanfällen mit und ohne Aura sowie Cluster-Kopfschmerz (Horton-Syndrom).“ Im Wortlaut: „Imigran-Inject darf nicht gleichzeitig mit Monoaminooxidase-Hemmern und nicht innerhalb von zwei Wochen nach Abbruch einer Therapie mit einem Monoaminooxidase-Hemmer angewendet werden.“; „In seltenen Fällen wurde über Patienten berichtet, bei denen nach der Einnahme eines selektiven Serotonin-Reuptake-Hemmers (SSRI) und von Sumatriptan ein Serotonin-Syndrom (einschließlich Bewusstseinsveränderungen, autonomer Instabilität und neuromuskulärer Störungen) auftrat. Von einem Serotonin-Syndrom wurde nach gleichzeitiger Behandlung mit Triptanen und Serotonin-Noradrenalin-Reuptake-Hemmern (SNRIs) berichtet. Wenn die gleichzeitige Behandlung mit Sumatriptan und einem SSRI/SNRI aus medizinischen Gründen notwendig ist, sollte der Patient angemessen überwacht werden“; „Bei gemeinsamer Anwendung von Triptanen und pflanzlichen Zubereitungen, die Johanniskraut (Hypericum perforatum) enthalten, können möglicherweise häufiger Nebenwirkungen auftreten.“ Weiter: 4.3: „Sumatriptan darf nicht gleichzeitig mit Ergotamin- oder Ergotaminderivat-haltigen Arzneimitteln (einschließlich Methysergid) oder einem anderen Triptan/5-HT1-Rezeptor-Agonisten angewendet werden“; ebenfalls 4.3: nicht bei Herzinfarkt in der Vorgeschichte, ischämischer Herzkrankheit, koronaren Vasospasmen, peripheren Gefäßerkrankungen, Schlaganfall oder TIA, schweren Leberfunktionsstörungen, mittelschwerem bis schwerem sowie unkontrolliertem leichtem Bluthochdruck; Wartezeiten 4.5: nach Ergotamin oder einem anderen Triptan mindestens 24 Stunden bis Sumatriptan, nach Sumatriptan mindestens 6 Stunden bis Ergotamin und 24 Stunden bis zu einem anderen Triptan; Nebenwirkungen 4.8, sehr häufig: „Vorübergehende Schmerzen an der Injektionsstelle“; häufig u. a. „Schwindel, Schläfrigkeit, Sensibilitätsstörungen einschließlich Parästhesie und Hypästhesie“, „Vorübergehender Blutdruckanstieg kurz nach der Anwendung, Hitzewallungen/Gesichtsrötung (Flushing)“, „Dyspnoe“, „Schweregefühl … inklusive dem Brustkorb und Halsbereich“, „Müdigkeit“; Wirkweise 5.1: „Diese beiden Mechanismen (kraniale Vasokonstriktion und Inhibierung der Aktivität des Trigeminus-Nervs) tragen wahrscheinlich zur Wirkung von Sumatriptan beim Menschen bei.“


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