Mukosakontaktpunkt-Kopfschmerz

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Der Kopfschmerz zurückzuführen auf einen Mukosakontaktpunkt (engl. Mucosal contact point headache) wurde im Anhang der zweiten Ausgabe der Internationalen Kopfschmerzklassifikation (ICHD-II) beschrieben; die Kriterien stehen unten. In der heute gültigen dritten Ausgabe (ICHD-3) heißt die Diagnose „Kopfschmerz zurückzuführen auf Erkrankungen der Nasenschleimhaut, der Nasenmuscheln oder der Nasenscheidewand“ (A11.5.3). Sie steht weiterhin nur im Anhang, bei den Forschungskriterien für Krankheitsbilder, die noch nicht ausreichend belegt sind (siehe Einordnung nach ICHD-3).[1]

Mit Mukosakontaktpunkt ist/sind in diesem Zusammenhang ein (oder mehrere) Berührungspunkte zwischen den Nasenschleimhäuten gemeint.

Diagnostische Kriterien nach IHS-ICHD II A11.5.1

  • Wiederkehrender Schmerz um das Auge herum, im zur Mitte hin gelegenen Lidwinkel oder in der Jochbeinregion
  • Nachweis von Mukosakontaktpunkten durch nasale Endoskopie und/oder CT- Bildgebung. Eine akute Entzündung der Nasennebenhöhlen liegt dabei nicht vor.
  • Der Nachweis, dass der Schmerz auf einen Mukosakontaktpunkt zurückzuführen ist, beruht auf mindestens einem der folgenden Punkte:
    • der Kopfschmerz korrespondiert mit Veränderungen der mukosalen Verengung in Abhängigkeit von Schwerkraftveränderungen beim Wechsel zwischen der Horizontalen und Vertikalen
    • Verschwinden des Kopfschmerzes innerhalb von 5 Minuten nach örtlicher Anwendung von Betäubungsmittel im Bereich der mittleren Nasenmuschel unter Verwendung von Placebo oder anderen Kontrollen. Mit Beseitigung der Kopfschmerzen ist völlige Kopfschmerzfreiheit gemeint (0 auf einer visuellen Analogskala (VAS)).
  • Der Kopfschmerz verschwindet innerhalb von 7 Tagen nach operativer Entfernung der Mukosakontaktpunkte.

Kommentar: Der A11.5.1 Kopfschmerz zurückzuführen auf einen Mukosakontaktpunkt wurde in die vorliegende Klassifikation neu aufgenommen, die Datenlage ist bisher jedoch noch limitiert. Kontrollierte Untersuchungen von Patienten, die die aufgeführten Kriterien erfüllen, sind zur Bestätigung erforderlich. Quelle: IHS-ICHD II Anhang, A11.5.1


Soweit die anscheinend eher skeptische Definition der internationalen Kopfschmerzexperten.

Einordnung nach ICHD-3

  • In der heutigen Kopfschmerzklassifikation ICHD-3 heißt die Diagnose „Kopfschmerz zurückzuführen auf Erkrankungen der Nasenschleimhaut, der Nasenmuscheln oder der Nasenscheidewand“ (A11.5.3). Sie steht weiterhin nur im Anhang. Der Anhang enthält laut ICHD-3 Forschungskriterien für Krankheitsbilder, die bisher nicht ausreichend durch Forschung bestätigt sind.[1]
  • Die Kriterien verlangen einen Befund in der Nase (bei der Untersuchung, mit dem Endoskop und/oder im Bild), etwa eine Nasenmuschel mit Luftblase (Concha bullosa) oder einen Sporn an der Nasenscheidewand, und mindestens zwei von vier Hinweisen darauf, dass er den Kopfschmerz verursacht: zeitlicher Zusammenhang, Besserung oder Verschlechterung parallel zum Befund, deutliche Besserung nach örtlicher Betäubung der Schleimhaut, Schmerz auf derselben Seite wie der Befund.[1]
  • Eine Übersichtsarbeit mit Metaanalyse (Maniaci und Kollegen, 2021) fasst 18 Arbeiten mit 978 Menschen mit „rhinogenem Kontaktpunkt-Kopfschmerz“ zusammen. Nach der Operation sank der Schmerz auf einer Skala von 0 bis 10 im Mittel von 7,3 auf 2,7; operierte Menschen schnitten besser ab als nur mit Medikamenten behandelte. Die Autoren empfehlen die Operation bei Beschwerden. Zu dieser Arbeit erschien ein kritischer Leserbrief.[2]
  • Wichtig für Menschen mit Cluster-Kopfschmerz: Diese Übersicht betrifft den Kontaktpunkt-Kopfschmerz, nicht den Cluster-Kopfschmerz. Zum Cluster-Kopfschmerz selbst steht weiter unten eine Untersuchung, nach der der Schmerz nicht mit Veränderungen in Nase und Nebenhöhlen zusammenhängt. Die Merkmale des Cluster-Kopfschmerzes nach ICHD-3 stehen auf der Seite Differentialdiagnose.

Hals-Nasen-Ohren Abteilung

Bei den Kollegen von der Hals-Nasen-Ohren Abteilung (HNO) scheinen die Datenlage (und der Enthusiasmus) nicht so "limitiert" zu sein. Dr. Velimir-Josef Novak-Wanger aus Luzern berichtet von über 2000 operierten Patienten, davon über 90% mit positivem Erfolg (Quelle). Bonaccorsi berichtete 1995 ebenfalls über 2124 solcher Operationen (Quelle: PMID 8751191, Englisch). In einer Arbeit des Operateurs Novak heißt es, von 20 Cluster-Kopfschmerz-Patienten seien 19 „geheilt“ (cured) worden, einer habe sich gebessert (Quelle: PMID 8751189, Englisch). Das ist die Angabe des Operateurs selbst, keine unabhängige Prüfung. Die Europäische Leitlinie von 2023 hält Operationen bei den meisten Menschen mit Cluster-Kopfschmerz für nicht angezeigt.[3] Langzeitstudien, drei und zehn Jahre nach einer solchen Operation stammen von Frau Prof. Dr. Antje Welge-Lüssen von der HNO-Universitätsklinik Basel (siehe PMID 8924166 und PMID 14660919). Der Senior-Autor dieser Berichte, Prof. Dr. med. Rudolf R. Probst ist seit August 2006 in Zürich.

Weitere positive Berichte über die mögliche Beseitigung von wiederkehrenden Kopfschmerzen durch eine Nasenoperation stammen unter anderem aus Graz (PMID 3140703), São Paulo ( Quelle, Englisch), New Jersey (PMID 16834948, PMID 15836593), New York (PMID 15910568), Philadelphia (PMID 9403937), Missouri (PMID 9591548), Albacete (Spanien, PMID 10984956), Rom (PMID 12723859) und Ankara (PMID 10759927). Co-Autoren einer diesbezüglichen Literatur-Rezension aus Mailand (PMID 15926028) waren die Kopfschmerzexperten Massimo Leone und Gennaro Bussone vom Istituto Nazionale Neurologico Carlo Besta.

Zwei Untersuchungen aus dem Nottingham University Hospital (PMID 11535142, PMID 11678953) kommen allerdings zu dem Ergebnis, dass es fraglich sei, ob mukosale Kontaktpunkte Kopfschmerz verursachen.

Ergebnisse einer (neurologischen) Kontrolluntersuchung:[4]

Radiologisch feststellbare Abnormalitäten im Nasenbereich lagen bei 29 von 30 Cluster-Kopfschmerz Episodikern (ECH), bei vier von sechs Cluster-Kopfschmerz Chronikern (CCH), bei 15 von 26 Migränepatienten und bei neun von fünfzehn Nicht-Kopfschmerzprobanden vor. Abnormalitäten auf der betroffenen Kopfseite fanden sich darunter bei 12 der 29 ECH und bei nur einem der vier CCH Patienten. Die Autoren vermuten daraus keinen Zusammenhang zwischen Abnormalitäten der nasalen oder sinusalen Strukturen und den Kopfschmerzerkrankungen, da solche Abnormalitäten auch häufig bei gesunden Menschen vorkommen.

Fazit

Vermutet wird, dass gemeinsame Nervenfasern der inneren und der äußeren Schädelbasis einschließlich des oberen nasalen Raumes existieren und dass durch diese Nervenverbindungen die Schmerzen ausgelöst werden können. Ursache dafür kann z.B. auch ein Septumsporn sein. Durch die Berührung gegenüberliegender Schleimhautflächen soll es zu Durchblutungsstörungen, einem lokalen Sauerstoffmangel im Schleimhautgewebe (Hypoxie) und hierdurch zu einer Irritation des Nervus Trigeminus kommen. Naheliegend ist deshalb die Schlussfolgerung, dass diagnostisch und therapeutisch durch die lokale Anwendung stark abschwellender Medikamente oder endgültig durch die chirurgische Beseitigung nasaler Engstellen ein Faktor für die Auslösung chronischer Kopfschmerzen ausgeschaltet werden könnte (Quelle: PMID 8924166).

Die chirurgische Behandlung nach Novak/Bonaccorsi besteht aus einer Nasenscheidewand-Operation (Septumkorrektur), der Entfernung der mittleren Nasenmuschel, Operation am Siebbein (Ethmoidektomie) und teilweise auch an der Keilbeinhöhle (Sphenoidektomie) (Quelle). Die gleiche Vorgehensweise beschreibt Frau Dr. Antje Welge-Lüssen (PMID 8924166).

Siehe dazu auch:

Ob mukosale Kontaktpunkte Kopfschmerzen auslösen, ist nicht gesichert. Die Internationale Kopfschmerzklassifikation führt diese Diagnose nur in ihrem Anhang, bei den Forschungskriterien für Krankheitsbilder, die noch nicht ausreichend durch Forschung belegt sind.[1] Bei Menschen mit Cluster-Kopfschmerz hing der Schmerz in einer Untersuchung nicht mit Auffälligkeiten in Nase und Nebenhöhlen zusammen; solche Auffälligkeiten fanden sich auch bei vielen Gesunden (siehe oben). Die Europäische Leitlinie von 2023 hält Operationen bei den meisten Menschen mit Cluster-Kopfschmerz für nicht angezeigt.[3] Die HNO-Arbeiten auf dieser Seite beschreiben folgendes Vorgehen:

  • Falls mukosale Kontaktpunkte durch Computertomographie und/oder Endoskopie festgestellt werden wird dazu ein Test mit einem lokalen Betäubungsmittel durchgeführt, das während einer Schmerzattacke durch den Arzt oder die Ärztin in die Nase eingebracht wird.
  • Eine Operation erfolgt nur dann, wenn die beiden obigen Bedingungen erfüllt sind.

Patientenberichte

Weitere Informationen

Literatur

  • Harrison, L; Jones, NS (Febr 2013). "Intranasal contact points as a cause of facial pain or headache: A Systematic Review.". Clin Otolaryngol 38 (1): 8-22. doi:10.1111/coa.12081. PMID 23312009. 
  • Abu-Samra, M.; Gawad, OA.; Agha, M. (Sep 2011). "The outcomes for nasal contact point surgeries in patients with unsatisfactory response to chronic daily headache medications.". Eur Arch Otorhinolaryngol 268 (9): 1299-304. doi:10.1007/s00405-011-1590-2. PMID 21461896. 
  • Rozen TD.: Intranasal contact point headache: missing the "point" on brain MRI. Neurology. 2009 Mar 24; 72(12): 1107. PMID 19307549 DOI.
  • Mishra D, Choudhury KK, Gupta A.: Headache With Autonomic Features in a Child: Cluster Headache or Contact-Point Headache? Headache. 2008 March; 48(3): 473–475. PMID 18194302, DOI.
  • Behin F, Behin B, Bigal ME, Lipton RB.: Surgical treatment of patients with refractory migraine headaches and intranasal contact points. Cephalalgia. 2005 Jun; 25(6): 439-43. PMID 15910568
  • Welge-Lüssen A, Hauser R, Schmid N, Kappos L, Probst R.: Endonasal surgery for contact point headaches: a 10-year longitudinal study. Laryngoscope. 2003 Dec; 113(12): 2151-6. PMID 14660919 DOI
  • Clerico DM, Evan K, Montgomery L, Lanza DC, Grabo D.: Endoscopic sinonasal surgery in the management of primary headaches. Rhinology. 1997 Sep; 35(3): 98-102. PMID 9403937.
  • Welge-Lüssen A, Hauser R, Probst R.: 3 Jahre Nachuntersuchung nach endonasaler mikroskopischer Nasennebenhöhlenchirurgie bei Migräne und Cluster Headache. Laryngorhinootologie. 1996 Jul; 75(7): 392-6. PMID 8924166.
  • Simmen, Daniel: Resultate der chirurgischen Behandlung des chronischen Cluster-Kopfschmerzes. Dissertation. Univ. Zürich, 1987.

Einzelnachweise

  1. ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 ICHD-3 (deutsche Fassung), Anhang A11.5.3: Kopfschmerz zurückzuführen auf Erkrankungen der Nasenschleimhaut, der Nasenmuscheln oder der Nasenscheidewand; englische Fassung: ICHD-3, Anhang A11.5.3: Headache attributed to disorder of the nasal mucosa, turbinates or septum und ICHD-3, Einleitung zum Anhang. Kriterien im Wortlaut (Auszug): „Clinical, nasal endoscopic and/or imaging evidence of a hypertrophic or inflammatory process within the nasal cavity“; Ursachennachweis durch mindestens zwei von vier Punkten; „Note: Examples are concha bullosa and nasal septal spur.“ Zum Anhang: „The primary purpose of the Appendix is to present research criteria for a number of novel entities that have not been sufficiently validated by research conducted so far.“ Abgerufen und geprüft am 23.09.2026.
  2. ↑ Maniaci A, Merlino F, Cocuzza S u. a. (2021). "Endoscopic surgical treatment for rhinogenic contact point headache: systematic review and meta-analysis". Eur Arch Otorhinolaryngol 278 (6): 1743–1753. doi:10.1007/s00405-021-06724-6. PMID 33677741.  Im Wortlaut: „We provided 18 articles for a total of 978 RCPH patients.“; „A significant decrease from the VAS score of 7.3 ± 1.5 to 2.7 ± 1.8 was recorded“. Dazu ein Leserbrief: Straburzyński M, Eur Arch Otorhinolaryngol 2021;278(6):2167–2168, PMID 33797599, doi:10.1007/s00405-021-06785-7 (ohne Zusammenfassung; nur Titel und Angaben geprüft). Am 23.09.2026 über Europe PMC geprüft.
  3. ↑ 3,0 3,1 May A, Evers S, Goadsby PJ, Leone M, Manzoni GC, Pascual J, et al. (2023). "European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache". Eur J Neurol 30 (10): 2955-2979. doi:10.1111/ene.15956. PMID 37515405.  S. 2974 im Wortlaut: „Surgical procedures are not indicated in most of the patients with cluster headache.“
  4. ↑ Buzzi GM, Sances G, Tassorelli C, Tella S, Coia E, Zappoli F, Ghiotto N, Nappi G.: Head pain in cluster headache patients does not correlate to abnormalities in nasal and sinusal structures. In: Jes Olesen, Peter J. Goadsby (eds): Cluster Headache and Related Conditions (Frontiers in Headache Research), Oxford University Press 1999; p. 101-105. ISBN 0-1926-3073-3


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