Ergotamin

Aus CK-Wissen
Version vom 24. September 2026, 09:00 Uhr von Cezary (Diskussion | Beiträge) (Fachliche Durchsicht: 3 Stellen berichtigt oder ergänzt, mit Einzelnachweisen; DGN-Leitlinie 2015: Hinweis auf die angemeldete Neufassung, aktuelle Adressen)
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Ergotamin ist ein Alkaloid des Mutterkornpilzes. Die Substanz ist unter anderem für Mutterkornvergiftungen (Ergotismus, Antoniusfeuer) mitverantwortlich. Therapeutisch kann Ergotamin zur Akuttherapie der Migräne und zur Kurzzeitprophylaxe des Cluster-Kopfschmerzes eingesetzt werden.[1] Die europäische Leitlinie von 2023 nennt Ergotamintartrat ebenfalls zur Kurzzeitprophylaxe, als Überbrückung, bis ein vorbeugendes Mittel wie Verapamil wirkt (Tabelle 17, S. 2973).[2] Die Substanz wurde 1918 von Arthur Stoll isoliert und beschrieben.

Über die erfolgreiche Cluster-Kopfschmerz Attackenbehandlung mittels subcutaner Injektion von Ergotamintartrat wurde erstmals 1937 von Wilfred Harris berichtet.[3][4] 1947 berichtet K.A. Ekbom aus Stockholm über die vorbeugende Behandlung mit dem damals aus der Migränetherapie bereits bekannten Gynergen (Ergotamintartrat) in Tablettenform: Zweimal oder auch dreimal 1mg/Tag .[5]

In der Regel sind die moderneren Triptane besser verträglich als Ergotamin.[6]

Handelsname in Deutschland: Ergo-Kranit® Migräne (siehe Verfügbarkeit und Zulassung). In der Schweiz ist nach Angabe von PharmaWiki kein Arzneimittel mit Ergotamin mehr im Handel; das Kombinationspräparat Cafergot® mit Koffein wurde 2014 vom Markt genommen.[7] In Österreich war Synkapton® im Handel; ob es dort noch erhältlich ist, ist nicht bestätigt.

Zulassung und Leitlinien

Die deutsche Leitlinie von 2015 ist seit dem 13.05.2020 abgelaufen; eine Überarbeitung ist im AWMF-Register seit dem 24.07.2025 angemeldet, geplante Fertigstellung 31.12.2026.[8]

Was die europäische Leitlinie von 2023 zu Ergotamin sagt

Die derzeit führende Quelle ist die Leitlinie der Europäischen Akademie für Neurologie von 2023.[2] Sie führt Ergotamintartrat in ihrer Tabelle 17 als Mittel der Kurzprophylaxe — also als Überbrückung für die Wochen, bis ein langsam anlaufendes vorbeugendes Mittel wie Verapamil wirkt. Die Angaben dort lauten wörtlich: als Dosierung „2–4 mg/day. Ideal: 2 mg 1–0–1. If attacks in the night: 2 mg oral in late evening", als Wirkung „Efficacious in 70%" und als Anwendungshinweis „In combination with antiemetic medication. Short-term prophylaxis and to bridge time until verapamil effect sets in. In patients with attacks during the night".[2]

In alltägliche Sprache übersetzt: zwei bis vier Milligramm am Tag, im günstigsten Fall verteilt auf morgens und abends je eine Tablette zu 2 mg; wer nachts Attacken hat, nimmt die 2 mg am späten Abend. „Efficacious in 70%" heißt, dass die Leitlinie bei etwa sieben von zehn Behandelten mit einer Wirkung rechnet — also bei ungefähr zwei von drei bis drei von vier Menschen.

Zwei Einschränkungen gehören unmittelbar dazu. Erstens nennt die Leitlinie als Grundlage keine Studie, sondern ein „Consensus statement", und sie schreibt in derselben Tabelle ausdrücklich „In the absence of evidence/studies". Die 70 Prozent sind damit eine Einschätzung der Autorengruppe und kein Ergebnis einer kontrollierten Untersuchung. Zweitens hält die Leitlinie selbst fest: „However, ergotamine and DHE are not available in many European countries."[2]

Zäpfchen. In ihrer Tabelle 17 nennt die Leitlinie nur die Einnahme als Tablette. Im Fließtext führt sie Ergotamin aber auch als Zäpfchen: Ein Zäpfchen könne eine Attacke wegen des langsamen Wirkungseintritts nicht beenden, tauge aber zur kurzfristigen Vorbeugung (S. 2963); und an anderer Stelle: „A further option is ergotamine tartrate (2 mg oral or suppository), if available.“ (S. 2968). Der Hinweis, ein Zäpfchen umgehe den ersten Durchgang durch die Leber – „as suppository (no first path effect)“ –, steht dagegen beim Dihydroergotamin.[9]

Verfügbarkeit und Zulassung, Stand September 2026

In Deutschland ist noch ein Präparat mit Ergotamintartrat zum Einnehmen im Handel: Ergo-Kranit® Migräne 2 mg Tabletten, PZN 04229082, inzwischen von der Fairmed Healthcare GmbH angeboten. Sein Anwendungsgebiet umfasst allein die Migräne: „Behandlung von Migräne-Anfällen (insbesondere sehr lange Anfälle), wenn andere Therapien nicht wirksam oder nicht indiziert sind." Das Wort „Cluster" kommt weder in der Fachinformation noch in der Gebrauchsinformation vor.[10]

Wer das Mittel beim Cluster-Kopfschmerz einsetzt, wendet es damit außerhalb der Zulassung an. Der Fachausdruck dafür ist Off-Label-Gebrauch. Gemeint ist: Das Medikament ist geprüft und zugelassen, aber für eine andere Krankheit. Es ist also weder verboten noch ungeprüft — nur steht der Cluster-Kopfschmerz nicht in der Liste der Anwendungsgebiete, und deshalb trägt die verordnende Ärztin oder der verordnende Arzt die Verantwortung für die Anwendung, und die Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist nicht selbstverständlich. Das gibt Rechtsgrundlagen wieder und ist keine Rechtsberatung. Was gilt, wenn die Krankenkasse ablehnt, steht auf der Seite Off-Label-Use; für den Einzelfall helfen die Sozialverbände weiter — etwa der Sozialverband VdK Deutschland oder der Sozialverband Deutschland (SoVD).

Zäpfchen mit Ergotamintartrat gibt es im deutschsprachigen Raum nicht. Nach der Aufstellung der Europäischen Arzneimittel-Agentur zum Verfahren PSUSA/00000485/202511 (Stand 07/2026) werden Suppositorien nur noch in Belgien, Italien und Griechenland geführt.

Für die Schweiz gibt die Fachdatenbank PharmaWiki an: „In der Schweiz sind derzeit keine Arzneimittel mit Ergotamin mehr im Handel."; das dort zuletzt erhältliche Kombinationspräparat wurde 2014 vom Markt genommen.[7]

Für Österreich ist offen, ob dort noch ein Arzneimittel mit Ergotamin im Handel ist, etwa das oben genannte Synkapton®: Das Arzneispezialitätenregister des BASG ließ sich nicht abfragen.[11]

Gegenanzeigen, Wechselwirkungen und Nebenwirkungen nach der Fachinformation

Die Fachinformation von Ergo-Kranit Migräne (Stand Februar 2023) nennt Folgendes; geschrieben ist sie für die Migräne.[12]

  • Nicht zusammen mit Betablockern, Tetracyclinen, starken Hemmstoffen des Abbausystems CYP3A4 (Makrolid-Antibiotika wie Erythromycin und Clarithromycin, außer Spiramycin; HIV-Mittel wie Ritonavir; Pilzmittel wie Ketoconazol, Itraconazol oder Voriconazol), mit Triptanen wie Sumatriptan, anderen gefäßverengenden Mitteln und Nikotin, etwa durch starkes Rauchen. Mit den CYP3A4-Hemmern steigt der Ergotaminspiegel, und es drohen Gefäßkrämpfe und Durchblutungsstörungen (Ergotismus).[12] Wie lange zwischen Ergotamin und einem Triptan zu warten ist, steht unter Wechselwirkungen auf einen Blick.
  • Nicht anwenden unter anderem bei Erkrankungen der Herzkranzgefäße, Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen, schweren Leber- und Nierenerkrankungen, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern unter 16 und Menschen über 65 Jahren.[12]
  • Höchstmengen bei Migräne: 4 mg am Tag und 6 mg in der Woche. Regelmäßig mehr als 20 mg im Monat können Dauerkopfschmerzen auslösen.[12] Die Leitlinie nennt für die Kurzprophylaxe beim Cluster-Kopfschmerz 2 bis 4 mg am Tag (siehe oben); damit wird die Wochenhöchstmenge der Fachinformation überschritten. Schon für die Migräne verlangt die Fachinformation, dass die Behandlung „nur unter strenger ärztlicher Überwachung“ erfolgt.[12]
  • Nebenwirkungen: häufig Übelkeit, Erbrechen und Durchfall; gelegentlich Benommenheit, Verwirrtheit, Kopfschmerzen, Muskelschwäche, Muskelschmerzen und Kribbeln oder Taubheit in Armen und Beinen; selten Herzschmerzen und kurzes Herzrasen oder Herzverlangsamung; sehr selten Bindegewebsvermehrungen (Fibrosen), etwa hinter dem Bauchfell oder an den Herzklappen; nach langer Einnahme Durchblutungsstörungen bis zum Absterben von Gewebe.[12]
  • Verapamil nennt die Fachinformation nicht.[12] Alle Cluster-Mittel im Vergleich: Wirkweise, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen der Cluster-Mittel.

Externe Links

Einzelnachweise

  1. ↑ Leitlinie "Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen". Herausgegeben von der Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie, der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft und dem Berufsverband deutscher Neurologen. Stand: 14.05.2015, gültig bis 13.05.2020; eine Neufassung ist angemeldet, geplante Fertigstellung 31.12.2026. - Online bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  2. ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 May A, Evers S, Goadsby PJ, Leone M, Manzoni GC, Pascual J, Carvalho V, Romoli M, Aleksovska K, Pozo-Rosich P, Jensen RH, European Academy of Neurology Task Force: European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache. European Journal of Neurology 2023; 30(10): 2955–2979. PMID 37515405 DOI
  3. ↑ Harris, W.: The facial neuralgias. London. Humphrey Milford, Oxford University Press, 1937.
  4. ↑ Boes CJ, Capobianco DJ, Matharu MS, Goadsby PJ.: Wilfred Harris' early description of cluster headache. Cephalalgia 2002; 22: 320–6. PMID 12100097
  5. ↑ Ekbom KA.: Ergotamine tartrate orally in Horton’s ‘Histaminic cephalgia’ (also called Harris’s ‘ciliary neuralgia’). Acta Psychiatr Scand (1947); 46: 106-113
  6. ↑ Wammes-van der Heijden EA, Rahimtoola H, Leufkens HG, Tijssen CC, Egberts AC.: Risk of ischemic complications related to the intensity of triptan and ergotamine use. Neurology. 2006; 67(7): 1128-1134. PMID 17030745 DOI. Deutschsprachige Zusammenfassung, tellmed.ch: Ergotamine, nicht jedoch Triptane mit Ischämien assoziiert
  7. ↑ 7,0 7,1 PharmaWiki: Ergotamin, Stand 30.04.2024.
  8. ↑ AWMF-Registereintrag 030-036 „Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen", abgerufen am 21.09.2026: Status „Angemeldet", Art der Anmeldung „Überarbeitung", angemeldete Klasse S1, Anmeldedatum 24.07.2025, geplante Fertigstellung 31.12.2026; Koordination PD Dr. Tim Jürgens (Güstrow) und Prof. Gudrun Goßrau (Dresden). Die abgelaufene Fassung von 2015 ist nur noch über die direkte Dateiadresse abrufbar; der Dateiname trägt den Status.
  9. ↑ May A, Evers S, Goadsby PJ u. a. (2023). "European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache". Eur J Neurol 30 (10): 2955-2979. doi:10.1111/ene.15956. PMID 37515405.  Am 23.09.2026 im Volltext gelesen (PDF-Fassung). S. 2963: „Due to poor oral absorption and the need for a rapid increase in plasma levels, dihydroergotamine (DHE) is best applied as aerosol spray, as suppository (no first path effect), or as subcutaneous injection“; „Ergotamine tartrate suppositories are not able to abort attacks because of the slow onset of action but may be used as short-term prophylaxis (see preventative drug treatment).“ S. 2968: „A further option is ergotamine tartrate (2 mg oral or suppository), if available.“
  10. ↑ Fachinformation Ergo-Kranit® Migräne 2 mg Tabletten (PDF-Datei), Stand Februar 2023, Abschnitt 4.1; gleichlautend die Gebrauchsinformation („zuletzt überarbeitet im Februar 2023"). Beide Dokumente am 22.09.2026 abgerufen und gelesen.
  11. ↑ Arzneispezialitätenregister des BASG, Abfrageversuch am 22.09.2026; die Anwendung gab als eigenen Datenstand den 22.09.2026 an.
  12. ↑ 12,0 12,1 12,2 12,3 12,4 12,5 12,6 Fachinformation Ergo-Kranit Migräne 2 mg Tabletten (Ergotamintartrat), Stand der Information Februar 2023, am 23.09.2026 gelesen. 4.1: „Behandlung von Migräne-Anfällen (insbesondere sehr lange Anfälle), wenn andere Therapien nicht wirksam oder nicht indiziert sind.“ 4.2: „Die Behandlung mit Ergo-Kranit® Migräne soll nur unter strenger ärztlicher Überwachung durchgeführt werden.“; höchstens 2 Tabletten (4 mg) pro Anfall oder Tag; „Die wöchentliche Höchstdosis beträgt 3 Tabletten (entspr. 6 mg Ergotamintartrat).“ 4.3 Gegenanzeigen u. a.: Erkrankungen der Herzkranzgefäße, Bluthochdruck, periphere arterielle Gefäßerkrankungen, schwere Leber- und Nierenfunktionsstörungen, Therapie mit Tetracyclinen, „gleichzeitige Therapie mit Beta-Blockern“, „gleichzeitige Therapie mit starken Cytochrom P450 3A4 (CYP3A4)-Hemmern, wie z. B. Makrolidantibiotika (außer Spiramycin), HIV-Proteinase-Hemmern oder Inhibitoren der Reversen-Transkriptase und Azol-Antimykotika“, „gleichzeitige Therapie mit anderen Vasokonstriktoren einschließlich Ergot-Alkaloide, 5-HT1-Rezeptor-Agonisten (z. B. Sumatriptan), Nikotin (z. B. durch starkes Rauchen) und Sympathomimetika“, Schwangerschaft und Stillzeit, „Kinder unter 16 Jahren und Patienten über 65 Jahren“. 4.5: CYP3A4-Hemmer führen zu „einer erhöhten Ergotamin-Exposition … mit einem verstärkten Auftreten von Ergotismus (Vasospasmen, Ischämien der Extremitäten und weiteren Geweben)“; „Die gleichzeitige Einnahme von Metoclopramid verbessert die Resorption von Ergotamin.“ 4.8: häufig Übelkeit, Erbrechen, Diarrhöen; gelegentlich Benommenheit, Verwirrtheit, Kopfschmerzen, Krämpfe, Muskelschwäche, Muskelschmerzen und Parästhesien; selten Herzschmerzen und kurzfristige Tachy- oder Bradykardien; sehr selten medikamenteninduzierte Fibrosen; nach Langzeitbehandlung Durchblutungsstörungen bis zum Gefäßverschluss mit Gangrän; „Eine regelmäßige Einnahme von mehr als 20 mg Ergotamin pro Monat kann zu Dauerkopfschmerzen führen.“ 5.1: „Ergotamin ist ein natürlich vorkommendes Mutterkornalkaloid mit α-adrenerger, überwiegend vasokonstriktorischer Wirkung auf venöse und arterielle Gefäße.“ Verapamil wird nicht genannt.


Diese Seiten sind von Nichtmedizinern geschrieben und ersetzen keinen Arztbesuch. Angaben können fehlerhaft oder veraltet sein – prüfen Sie Wichtiges in den genannten Quellen nach. Bitte beachten Sie die Hinweise zu Gesundheitsthemen und zum Datenschutz sowie unsere Arbeitsweise.