Hyperbare Sauerstofftherapie bei Cluster-Kopfschmerz: Unterschied zwischen den Versionen

Abschnitt "Einordnung: die Cochrane-Uebersicht 2015" ergaenzt. Die Seite stuetzte sich auf die deutschsprachige Darstellung der Cochrane-Fassung von 2008; die Uebersicht wurde 2015 aktualisiert (Bennett u.a., Cochrane Database Syst Rev 2015;2015(12):CD005219). Kernbefund mit Zahlen aus dem Original: fuer Cluster-Kopfschmerz mit HYPERBAREM Sauerstoff nur zwei Studien mit zusammen 29 Teilnehmern und KEIN Wirksamkeitsnachweis (Vertrauensbereich 0,77 bis 167,85, also aussagelos), waehrend Sauerstof…
→Einordnung: die Cochrane-Übersicht 2015: Umschreibung des Vertrauensbereichs präzisiert: die untere Grenze liegt bei 0,77 und damit unter 1, der Bereich schließt also auch eine geringfügig schlechtere Wirkung als die Scheinbehandlung ein. Außerdem den viermal vollständig wiederholten Einzelnachweis auf die erste Definition verweisen lassen; am angezeigten Text und an der Nummerierung ändert das nichts
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Die oben zusammengefassten Studien sind fast alle aus den Jahren 1989 bis 2004 und umfassen jeweils nur wenige Patienten. Eine Zusammenfassung dieser Datenlage liefert die Cochrane-Übersichtsarbeit zu normobarer und hyperbarer Sauerstofftherapie bei Migräne und Cluster-Kopfschmerz. Die unten im Literaturverzeichnis genannte deutschsprachige Darstellung von Schnabel und Mitarbeitern bezieht sich auf die '''Fassung von 2008'''; die Übersicht wurde '''2015 aktualisiert'''.<ref name="COCHRANE2015">{{cite journal |author=Bennett MH, French C, Schnabel A, Wasiak J, Kranke P, Weibel S |title=Normobaric and hyperbaric oxygen therapy for the treatment and prevention of migraine and cluster headache |journal=Cochrane Database Syst Rev |volume=2015 |issue=12 |pages=CD005219 |year=2015 |pmid=26709672 |doi=10.1002/14651858.CD005219.pub3}}</ref> Insgesamt wurden darin 11 Studien mit zusammen 209 Teilnehmern ausgewertet, und die Autoren beurteilen die Qualität dieser Studien als schlecht bis mittelmäßig.
Die oben zusammengefassten Studien sind fast alle aus den Jahren 1989 bis 2004 und umfassen jeweils nur wenige Patienten. Eine Zusammenfassung dieser Datenlage liefert die Cochrane-Übersichtsarbeit zu normobarer und hyperbarer Sauerstofftherapie bei Migräne und Cluster-Kopfschmerz. Die unten im Literaturverzeichnis genannte deutschsprachige Darstellung von Schnabel und Mitarbeitern bezieht sich auf die '''Fassung von 2008'''; die Übersicht wurde '''2015 aktualisiert'''.<ref name="COCHRANE2015">{{cite journal |author=Bennett MH, French C, Schnabel A, Wasiak J, Kranke P, Weibel S |title=Normobaric and hyperbaric oxygen therapy for the treatment and prevention of migraine and cluster headache |journal=Cochrane Database Syst Rev |volume=2015 |issue=12 |pages=CD005219 |year=2015 |pmid=26709672 |doi=10.1002/14651858.CD005219.pub3}}</ref> Insgesamt wurden darin 11 Studien mit zusammen 209 Teilnehmern ausgewertet, und die Autoren beurteilen die Qualität dieser Studien als schlecht bis mittelmäßig.


'''Zum Cluster-Kopfschmerz mit hyperbarem Sauerstoff''' lagen nur '''zwei Studien mit zusammen 29 Teilnehmern''' vor. Zur Frage, ob sich damit eine Attacke beenden lässt, schreiben die Autoren, es gebe '''keinen Wirksamkeitsnachweis'''. Die eine auswertbare Studie ergab ein Risikoverhältnis von 11,38 – bei einem Vertrauensbereich von 0,77 bis 167,85 (p&nbsp;=&nbsp;0,08). In Alltagssprache: die Spanne reicht von „wirkt gar nicht" bis „wirkt hundertfach", sie sagt also nichts aus; die Autoren führen das ausdrücklich auf die zu geringe Zahl der Teilnehmer zurück.<ref name="COCHRANE2015">{{cite journal |author=Bennett MH, French C, Schnabel A, Wasiak J, Kranke P, Weibel S |title=Normobaric and hyperbaric oxygen therapy for the treatment and prevention of migraine and cluster headache |journal=Cochrane Database Syst Rev |volume=2015 |issue=12 |pages=CD005219 |year=2015 |pmid=26709672 |doi=10.1002/14651858.CD005219.pub3}}</ref>
'''Zum Cluster-Kopfschmerz mit hyperbarem Sauerstoff''' lagen nur '''zwei Studien mit zusammen 29 Teilnehmern''' vor. Zur Frage, ob sich damit eine Attacke beenden lässt, schreiben die Autoren, es gebe '''keinen Wirksamkeitsnachweis'''. Die eine auswertbare Studie ergab ein Risikoverhältnis von 11,38 – bei einem Vertrauensbereich von 0,77 bis 167,85 (p&nbsp;=&nbsp;0,08). In Alltagssprache: Dieser Bereich schließt „keine Wirkung“ ebenso ein wie „eine sehr große Wirkung“, an seinem unteren Rand sogar eine geringfügig schlechtere Wirkung als die Scheinbehandlung. Er sagt damit nichts aus; die Autoren führen das ausdrücklich auf die zu geringe Zahl der Teilnehmer zurück.<ref name="COCHRANE2015"/>


'''Zum Sauerstoff bei normalem Druck''' – also der üblichen Behandlung, siehe [[Sauerstoff]] – fällt dieselbe Übersicht deutlich anders aus. Gegenüber einer Scheinbehandlung war sie zum Beenden einer Attacke wirksam (Risikoverhältnis 7,88; Vertrauensbereich 1,13 bis 54,66), gegenüber Ergotamin nicht überlegen. In einer der Studien wurden 117 von 150 Attacken erfolgreich behandelt (78&nbsp;%) gegenüber 30 von 148 in der Vergleichsgruppe (20&nbsp;%). Über die drei Studien hinweg schließen die Autoren, dass '''mehr als 75&nbsp;% der Attacken auf Sauerstoff bei normalem Druck ansprechen'''. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse wurden weder unter hyperbarem noch unter normobarem Sauerstoff berichtet.<ref name="COCHRANE2015">{{cite journal |author=Bennett MH, French C, Schnabel A, Wasiak J, Kranke P, Weibel S |title=Normobaric and hyperbaric oxygen therapy for the treatment and prevention of migraine and cluster headache |journal=Cochrane Database Syst Rev |volume=2015 |issue=12 |pages=CD005219 |year=2015 |pmid=26709672 |doi=10.1002/14651858.CD005219.pub3}}</ref>
'''Zum Sauerstoff bei normalem Druck''' – also der üblichen Behandlung, siehe [[Sauerstoff]] – fällt dieselbe Übersicht deutlich anders aus. Gegenüber einer Scheinbehandlung war sie zum Beenden einer Attacke wirksam (Risikoverhältnis 7,88; Vertrauensbereich 1,13 bis 54,66), gegenüber Ergotamin nicht überlegen. In einer der Studien wurden 117 von 150 Attacken erfolgreich behandelt (78&nbsp;%) gegenüber 30 von 148 in der Vergleichsgruppe (20&nbsp;%). Über die drei Studien hinweg schließen die Autoren, dass '''mehr als 75&nbsp;% der Attacken auf Sauerstoff bei normalem Druck ansprechen'''. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse wurden weder unter hyperbarem noch unter normobarem Sauerstoff berichtet.<ref name="COCHRANE2015"/>


Für die '''akute Migräne''' – nicht für den Cluster-Kopfschmerz – fand die Übersicht dagegen einen Hinweis auf Wirksamkeit des hyperbaren Sauerstoffs (Risikoverhältnis 6,21; Vertrauensbereich 2,41 bis 16,00; 58 Teilnehmer aus drei Studien), bei niedriger Qualität der Belege. Für die '''Vorbeugung''' von Migräneattacken fand sich kein Nachweis.<ref name="COCHRANE2015">{{cite journal |author=Bennett MH, French C, Schnabel A, Wasiak J, Kranke P, Weibel S |title=Normobaric and hyperbaric oxygen therapy for the treatment and prevention of migraine and cluster headache |journal=Cochrane Database Syst Rev |volume=2015 |issue=12 |pages=CD005219 |year=2015 |pmid=26709672 |doi=10.1002/14651858.CD005219.pub3}}</ref>
Für die '''akute Migräne''' – nicht für den Cluster-Kopfschmerz – fand die Übersicht dagegen einen Hinweis auf Wirksamkeit des hyperbaren Sauerstoffs (Risikoverhältnis 6,21; Vertrauensbereich 2,41 bis 16,00; 58 Teilnehmer aus drei Studien), bei niedriger Qualität der Belege. Für die '''Vorbeugung''' von Migräneattacken fand sich kein Nachweis.<ref name="COCHRANE2015"/>


Die Schlussfolgerung der Autoren lautet, dass angesichts der Kosten und der schlechten Verfügbarkeit der hyperbaren Behandlung weitere Forschung sich auf Patienten richten sollte, bei denen die Standardbehandlung nicht anschlägt – während Sauerstoff bei normalem Druck billig, sicher und einfach anzuwenden ist.<ref name="COCHRANE2015">{{cite journal |author=Bennett MH, French C, Schnabel A, Wasiak J, Kranke P, Weibel S |title=Normobaric and hyperbaric oxygen therapy for the treatment and prevention of migraine and cluster headache |journal=Cochrane Database Syst Rev |volume=2015 |issue=12 |pages=CD005219 |year=2015 |pmid=26709672 |doi=10.1002/14651858.CD005219.pub3}}</ref>
Die Schlussfolgerung der Autoren lautet, dass angesichts der Kosten und der schlechten Verfügbarkeit der hyperbaren Behandlung weitere Forschung sich auf Patienten richten sollte, bei denen die Standardbehandlung nicht anschlägt – während Sauerstoff bei normalem Druck billig, sicher und einfach anzuwenden ist.<ref name="COCHRANE2015"/>


'''Was das praktisch bedeutet.''' Der günstige, überall verfügbare Sauerstoff bei normalem Druck ist bei Cluster-Kopfschmerz gut belegt und gehört zu den beiden Behandlungen, die die Leitlinie der European Academy of Neurology 2023 mit starker Empfehlung nennt – mindestens 12 Liter pro Minute über 15 Minuten. Die '''hyperbare''' Behandlung in der Druckkammer kommt in dieser Leitlinie überhaupt nicht vor.<ref name="EAN2023">{{cite journal |author=May A, Evers S, Goadsby PJ, Leone M, Manzoni GC, Pascual J, et al. |title=European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache |journal=Eur J Neurol |volume=30 |pages=2955-2979 |year=2023 |pmid=37515405 |doi=10.1111/ene.15956}}</ref> Wer eine Druckkammerbehandlung erwägt, sollte das wissen, zumal die Kosten in der Regel selbst zu tragen sind (siehe oben).
'''Was das praktisch bedeutet.''' Der günstige, überall verfügbare Sauerstoff bei normalem Druck ist bei Cluster-Kopfschmerz gut belegt und gehört zu den beiden Behandlungen, die die Leitlinie der European Academy of Neurology 2023 mit starker Empfehlung nennt – mindestens 12 Liter pro Minute über 15 Minuten. Die '''hyperbare''' Behandlung in der Druckkammer kommt in dieser Leitlinie überhaupt nicht vor.<ref name="EAN2023">{{cite journal |author=May A, Evers S, Goadsby PJ, Leone M, Manzoni GC, Pascual J, et al. |title=European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache |journal=Eur J Neurol |volume=30 |pages=2955-2979 |year=2023 |pmid=37515405 |doi=10.1111/ene.15956}}</ref> Wer eine Druckkammerbehandlung erwägt, sollte das wissen, zumal die Kosten in der Regel selbst zu tragen sind (siehe oben).