Okzipitale Nervenstimulation: Unterschied zwischen den Versionen

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Die '''Okzipitale Nervenstimulation''' (okzipital von Occiput = Hinterhaupt, zum Hinterkopf hin gelegen, engl. '''Occipital nerve stimulation''', ONS) ist die elektrische Stimulation des [[Nervus occipitalis major]] (Hinterhauptnerv) mittels im Nackenbereich implantierter Elektroden zur vorbeugenden Behandlung. Diese noch experimentelle Methode wird bei Patienten erprobt, denen mit medikamentöser Vorbeugung nicht geholfen werden kann. Eine Wirkung tritt nach den bisherigen Erfahrungen nur bei einem Teil der Patienten und erst ca. zwei Monate nach der Implantation ein.<ref>Burns B, Watkins L, Goadsby PJ.: Treatment of medically intractable cluster headache by occipital nerve stimulation: long-term follow-up of eight patients. ''The Lancet.'' (2007) '''369''': 1099-106; PMID 17398309. [https://web.archive.org/web/20160306195802/http://kopfschmerz-news.de/pdf/ksn3-2007.pdf Kommentar dazu in der DMKG KS-News Sept. 2007; Seite 39, (PDF-Datei).]</ref><ref>Magis D, Allena M, Bolla M, De Pasqua V, Remacle JM, Schoenen J.: Occipital nerve stimulation for drug-resistant chronic cluster headache: a prospective pilot study. ''Lancet Neurology.'' (2007); '''6'''(4): 314-21; PMID 17362835. [https://web.archive.org/web/20160307105358/http://kopfschmerz-news.de/pdf/ksn2-2007.pdf Kommentar dazu in der DMKG KS-News Mai 2007; Seite 33 (PDF-Datei).]</ref>
Die '''Okzipitale Nervenstimulation''' (okzipital von Occiput = Hinterhaupt, zum Hinterkopf hin gelegen, engl. '''Occipital nerve stimulation''', ONS) ist die elektrische Stimulation des [[Nervus occipitalis major]] (Hinterhauptnerv) mittels im Nackenbereich implantierter Elektroden zur vorbeugenden Behandlung. Diese noch experimentelle Methode wird bei Patienten erprobt, denen mit medikamentöser Vorbeugung nicht geholfen werden kann. Eine Wirkung tritt nach den bisherigen Erfahrungen nur bei einem Teil der Patienten und erst ca. zwei Monate nach der Implantation ein.<ref>Burns B, Watkins L, Goadsby PJ.: Treatment of medically intractable cluster headache by occipital nerve stimulation: long-term follow-up of eight patients. ''The Lancet.'' (2007) '''369''': 1099-106; PMID 17398309. [https://web.archive.org/web/20160306195802/http://kopfschmerz-news.de/pdf/ksn3-2007.pdf Kommentar dazu in der DMKG KS-News Sept. 2007; Seite 39, (PDF-Datei).]</ref><ref>Magis D, Allena M, Bolla M, De Pasqua V, Remacle JM, Schoenen J.: Occipital nerve stimulation for drug-resistant chronic cluster headache: a prospective pilot study. ''Lancet Neurology.'' (2007); '''6'''(4): 314-21; PMID 17362835. [https://web.archive.org/web/20160307105358/http://kopfschmerz-news.de/pdf/ksn2-2007.pdf Kommentar dazu in der DMKG KS-News Mai 2007; Seite 33 (PDF-Datei).]</ref>


Ergebnisse aus einer Studie mit 14 Teilnehmern:<ref>Burns B, Watkins L, Goadsby PJ.: Treatment of intractable chronic cluster headache by occipital nerve stimulation in 14 patients. ''Neurology.'' 2009 Jan 27; '''72''': 341-5. PMID 19171831 [https://doi.org/10.1212/01.wnl.0000341279.17344.c9 DOI] [http://clusterattack.com/blog/wp-content/uploads/2009/09/burns-2009-treatment-of-intractable-chronic-cluster-headache-by-occipital-nerve-stimulation-in-14-patients.pdf PDF] [http://clusterattack.com/?p=42 Comment Andrew Sewell] [https://web.archive.org/web/20160306211308/http://kopfschmerz-news.de/pdf/ksn2-2009.pdf Kommentar von HC Diener in der DMKG KS-News 02/2009, Seite 29.] - PDF-Datei</ref> Während der Beobachtungszeit von vier bis 35 Monaten empfanden drei der 14 Patienten eine Verbesserung ihrer Cluster-Kopfschmerzen von 90% oder besser. Je ein Patient berichtete eine Verbesserung von 40%, 50% und 60%. Vier Patienten hatten eine Verbesserung von 20 – 30%. Weitere vier Patienten hatten nach einer Beobachtungszeit von 4, 19, 31 bzw. 35 Monaten keinerlei Verbesserung. Zusammenfassend hat die Okzipitale Nervenstimulation in dieser Studie also nur bei fünf von 14 Patienten (36%) eine Verbesserung von 50% oder besser erbracht, nur bei drei Patienten (21%) ist ein Erfolg von mehr als 90% zu verzeichnen. Elf der 14 Patienten (79%) würden die ONS Behandlung weiterempfehlen, darunter zwei der Patienten, bei denen die Behandlung völlig erfolglos war. Eine Tabelle der Behandlungsparameter und eine Liste der aufgetretenen Komplikationen enthält das [https://www.neurology.org/cgi/content/full/72/4/341/DC1 Data Supplement (Englisch)]   
Ergebnisse aus einer Studie mit 14 Teilnehmern:<ref>Burns B, Watkins L, Goadsby PJ.: Treatment of intractable chronic cluster headache by occipital nerve stimulation in 14 patients. ''Neurology.'' 2009 Jan 27; '''72''': 341-5. PMID 19171831 [https://doi.org/10.1212/01.wnl.0000341279.17344.c9 DOI] [http://clusterattack.com/blog/wp-content/uploads/2009/09/burns-2009-treatment-of-intractable-chronic-cluster-headache-by-occipital-nerve-stimulation-in-14-patients.pdf PDF] [http://clusterattack.com/?p=42 Comment Andrew Sewell] [https://web.archive.org/web/20160306211308/http://kopfschmerz-news.de/pdf/ksn2-2009.pdf Kommentar von HC Diener in der DMKG KS-News 02/2009, Seite 29.] - PDF-Datei</ref> Während der Beobachtungszeit von vier bis 35 Monaten empfanden drei der 14 Patienten eine Verbesserung ihrer Cluster-Kopfschmerzen von 90% oder besser. Je ein Patient berichtete eine Verbesserung von 40%, 50% und 60%. Vier Patienten hatten eine Verbesserung von 20 – 30%. Weitere vier Patienten hatten nach einer Beobachtungszeit von 4, 19, 31 bzw. 35 Monaten keinerlei Verbesserung.
 
Zusammenfassend hat die Okzipitale Nervenstimulation in dieser Studie also nur bei fünf von 14 Patienten (36%) eine Verbesserung von 50% oder besser erbracht, nur bei drei Patienten (21%) ist ein Erfolg von mehr als 90% zu verzeichnen. Elf der 14 Patienten (79%) würden die ONS Behandlung weiterempfehlen, darunter zwei der Patienten, bei denen die Behandlung völlig erfolglos war. Eine Tabelle der Behandlungsparameter und eine Liste der aufgetretenen Komplikationen enthält das [https://www.neurology.org/cgi/content/full/72/4/341/DC1 Data Supplement (Englisch)]   


== Studienlage seit 2021 ==
== Studienlage seit 2021 ==
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Der Grund für diesen ungewöhnlichen Aufbau steht in der Arbeit selbst: '''weil die Stimulation ein Kribbeln erzeugt, ist ein verdeckter Vergleich mit einer Scheinbehandlung nicht möglich.''' Man verglich deshalb starke mit schwacher Stimulation, in der Annahme, beide erzeugten ein ähnliches Kribbeln, aber unterschiedliche Wirkung.
Der Grund für diesen ungewöhnlichen Aufbau steht in der Arbeit selbst: '''weil die Stimulation ein Kribbeln erzeugt, ist ein verdeckter Vergleich mit einer Scheinbehandlung nicht möglich.''' Man verglich deshalb starke mit schwacher Stimulation, in der Annahme, beide erzeugten ein ähnliches Kribbeln, aber unterschiedliche Wirkung.


Das Ergebnis: Über alle Teilnehmer sank die Attackenhäufigkeit von im Mittel 15,75 auf 7,38 Attacken pro Woche, also etwa auf die Hälfte (p&nbsp;<&nbsp;0,0001). '''Zwischen den beiden Stimulationsstärken gab es aber keinen Unterschied''' – der Abstand betrug 2,42 Attacken pro Woche bei einem Vertrauensbereich von 5,17 weniger bis 3,33 mehr, schließt also die Null klar ein. Damit ist die eigentliche Prüfung der Studie negativ ausgegangen, und weil ein echter Vergleich mit einer Scheinbehandlung nicht möglich war, lässt sich der Rückgang um die Hälfte nicht vom Verlauf und von Erwartungseffekten trennen. An unerwünschten Ereignissen traten 129 unter starker und 95 unter schwacher Stimulation auf; 17 beziehungsweise 8 wurden als schwerwiegend eingeordnet, weil sie eine kurze Krankenhausaufnahme wegen kleinerer Gerätedefekte nötig machten. Am häufigsten waren Schmerzen an der Einsatzstelle, Wundheilungsstörungen, Nackensteifigkeit und Schäden am Gerät.<ref name="ICON2021">{{cite journal |author=Wilbrink LA, de Coo IF, Doesborg PGG, Mulleners WM, et al. |title=Safety and efficacy of occipital nerve stimulation for attack prevention in medically intractable chronic cluster headache (ICON): a randomised, double-blind, multicentre, phase 3, electrical dose-controlled trial |journal=Lancet Neurol |volume=20 |issue=7 |pages=515-525 |year=2021 |pmid=34146510 |doi=10.1016/S1474-4422(21)00101-0}}</ref>
Das Ergebnis: Über alle Teilnehmer sank die Attackenhäufigkeit von im Mittel 15,75 auf 7,38 Attacken pro Woche, also etwa auf die Hälfte (p&nbsp;<&nbsp;0,0001). '''Zwischen den beiden Stimulationsstärken gab es aber keinen Unterschied''' – der Abstand betrug 2,42 Attacken pro Woche bei einem Vertrauensbereich von 5,17 weniger bis 3,33 mehr, schließt also die Null klar ein. Damit ist die eigentliche Prüfung der Studie negativ ausgegangen, und weil ein echter Vergleich mit einer Scheinbehandlung nicht möglich war, lässt sich der Rückgang um die Hälfte nicht vom Verlauf und von Erwartungseffekten trennen.
 
An unerwünschten Ereignissen traten 129 unter starker und 95 unter schwacher Stimulation auf; 17 beziehungsweise 8 wurden als schwerwiegend eingeordnet, weil sie eine kurze Krankenhausaufnahme wegen kleinerer Gerätedefekte nötig machten. Am häufigsten waren Schmerzen an der Einsatzstelle, Wundheilungsstörungen, Nackensteifigkeit und Schäden am Gerät.<ref name="ICON2021">{{cite journal |author=Wilbrink LA, de Coo IF, Doesborg PGG, Mulleners WM, et al. |title=Safety and efficacy of occipital nerve stimulation for attack prevention in medically intractable chronic cluster headache (ICON): a randomised, double-blind, multicentre, phase 3, electrical dose-controlled trial |journal=Lancet Neurol |volume=20 |issue=7 |pages=515-525 |year=2021 |pmid=34146510 |doi=10.1016/S1474-4422(21)00101-0}}</ref>


=== Langzeitbeobachtung: die Wirkung hält – und jeder Zweite muss nachoperiert werden ===
=== Langzeitbeobachtung: die Wirkung hält – und jeder Zweite muss nachoperiert werden ===
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Prof. Dr. med. Zaza Katsarava: "Hintergründe, Methode und Ergebnisse der Occipitalis-Stimulation bei Cluster-Kopfschmerz: Eine neue Option der Therapie?"
Prof. Dr. med. Zaza Katsarava: "Hintergründe, Methode und Ergebnisse der Occipitalis-Stimulation bei Cluster-Kopfschmerz: Eine neue Option der Therapie?"


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Vortrag von Prof. Dr. med. Zaza Katsarava gehalten am UKE Hamburg, 08.05.2010. Mit freundlicher Genehmigung von Zaza Katsarava. Copyright© Zaza Katsarava 2010. Priv. Doz. Dr. med. Zaza Katsarava war 2010 wissenschaftlicher Leiter am Westdeutschen Kopfschmerzzentrum in Essen und Oberarzt der Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Essen.
Vortrag von Prof. Dr. med. Zaza Katsarava gehalten am UKE Hamburg, 08.05.2010. Mit freundlicher Genehmigung von Zaza Katsarava. Copyright© Zaza Katsarava 2010. Priv. Doz. Dr. med. Zaza Katsarava war 2010 wissenschaftlicher Leiter am Westdeutschen Kopfschmerzzentrum in Essen und Oberarzt der Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Essen.
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== Fotos einer Implantation ==
== Fotos einer Implantation ==


[[Bild:Markierung.jpg|thumb|283px|center|Markierung der Operationsstelle am Hinterkopf]]
[[Bild:Markierung.jpg|alt=Rasierter, orange desinfizierter Bereich am Hinterkopf mit aufgezeichneten Linien, umgeben von grünen OP-Tüchern.|thumb|283px|center|Markierung der Operationsstelle am Hinterkopf]]


[[Bild:Elektroden2.jpg|thumb|550px|center|Implantation der Elektroden]]
[[Bild:Elektroden2.jpg|alt=Operationsfoto: Ein Schnitt am Hinterkopf wird mit Instrumenten offen gehalten, ringsum grüne und blaue OP-Tücher.|thumb|550px|center|Implantation der Elektroden]]


[[Bild:Elektroden3.jpg|thumb|550px|center|Implantation der Elektroden]]
[[Bild:Elektroden3.jpg|alt=Operationsfoto: kleiner Schnitt am Hinterkopf, aus dem dünne Kabel herausführen.|thumb|550px|center|Implantation der Elektroden]]


[[Bild:Anchor.jpg|thumb|550px|center|Befestigung der Elektroden.]]
[[Bild:Anchor.jpg|alt=Operationsfoto: Wundhaken halten einen Schnitt offen, in dem die weißen Elektrodenkabel befestigt werden.|thumb|550px|center|Befestigung der Elektroden.]]


[[Bild:Kabel1.jpg|thumb|550px|center|Kabelführung vom Nacken zum unteren Rücken.]]
[[Bild:Kabel1.jpg|alt=Operationsfoto: liegender Patient unter OP-Tüchern, ein Arzt führt Kabel vom Nacken aus unter der Haut entlang.|thumb|550px|center|Kabelführung vom Nacken zum unteren Rücken.]]


[[Bild:Kabel2.jpg|thumb|550px|center|Kabelführung]]
[[Bild:Kabel2.jpg|alt=Operationsfoto: orange desinfizierte Haut am Rücken mit kleinen Schnitten, auf dem Tuch ein weißes Kabel mit Stecker.|thumb|550px|center|Kabelführung]]


[[Bild:Kabel3.jpg|thumb|550px|center|Kabelführung]]
[[Bild:Kabel3.jpg|alt=Operationsfoto: seitlicher Rücken mit kleinen Schnitten und herausgeführtem weißem Kabel.|thumb|550px|center|Kabelführung]]


[[Bild:Xray.jpg|thumb|550px|center|Das Röntgenbild zeigt die Position der Elektroden im Hinterkopf]]
[[Bild:Xray.jpg|alt=Röntgenbild des Kopfes von hinten: beidseits oben im Hinterkopf je eine Elektrode, als gepunktete Linie zu sehen.|thumb|550px|center|Das Röntgenbild zeigt die Position der Elektroden im Hinterkopf]]


[[Bild:Wired1.jpg|thumb|550px|center|Kabelführung vom Nacken zum unteren Rücken, der Impulsgenerator befindet sich in dem Beutel]]
[[Bild:Wired1.jpg|alt=Rücken eines Mannes nach der Operation: Pflaster vom Hinterkopf die Wirbelsäule entlang bis zum unteren Rücken, beschriftet; am Hosenbund ein Beutel mit dem Impulsgeber.|thumb|550px|center|Kabelführung vom Nacken zum unteren Rücken, der Impulsgenerator befindet sich in dem Beutel]]




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[[Kategorie:Eingriffe und Neuromodulation]]
[[Kategorie:Eingriffe und Neuromodulation]]
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<seo title="Okzipitale Nervenstimulation (ONS) bei Cluster-Kopfschmerz" description="Elektroden im Nacken reizen den großen Hinterhauptnerv. Was die Studien zeigen, warum die Leitlinie von 2023 abrät und was die Blockade davon unterscheidet." />