Nitroglyzerin-Provokationstest: Unterschied zwischen den Versionen

http://web.archive.org/web/20151106202717/http://www.dmkg.de/dmkg/sites/default/files/therapieempfehlung%20clusterkopfschmerz.pdf
 
Neuer Abschnitt „Wissensstand 2026“: EAN-Leitlinie 2023 und ICHD-3 nachgetragen (Test als Diagnostik nicht erwähnt, Diagnose klinisch), erste placebokontrollierte Fassung des Tests (Wei/Goadsby 2021: 76 % gegen 4 % Scheinbehandlung), heutige Verwendung in der Forschung, CGRP-Infusion als Nachfolger (Vollesen 2018), Christiansen 2000 zur Abgrenzung, Übersichtstabelle aller Trefferquoten. Bei Sances: Anmerkung zur Rechnung 26 von 31 / 80,6 % sowie Sensitivität, Spezifität und Treffergenauigkeit au
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Innerhalb der ersten Stunde nach der Gabe von GTN 0,9 mg sublingual entstand bei 21 (50%) der 42 Cluster-Kopfschmerzpatienten keinerlei Kopfschmerz. Bei 18 Probanden (42,9%) kam es zu einer Cluster-Attacke, drei Patienten (7,1%) bekamen nicht spezifische Kopfschmerzen. Weitere Attacken traten wie folgt auf: Nach 60 Minuten ein Patient, nach 70 min. einer, nach 90 min. zwei, je einer nach 120 und nach 150 Minuten und zwei Patienten nach 180 Minuten. Diese spät aufgetretenen Attacken seien nicht zu den für die Patienten sonst üblichen Zeiten für Attacken aufgetreten. Insgesamt wurden bei 26 der 42 Patienten Attacken ausgelöst (61,9%). Ohne die elf Patienten in Remission beträgt die Quote 26 von 31 Patienten (80,6%). Der Mittelwert der Latenzzeit war 65,4 ± 54,7 Minuten, Bereich 15 – 180 Minuten. Bei den 53 gesunden Kontrollpersonen traten keine Cluster-Attacken auf, bei zwei gesunden Patienten mit Migräne in der Familie traten Migräne Attacken auf.
Innerhalb der ersten Stunde nach der Gabe von GTN 0,9 mg sublingual entstand bei 21 (50%) der 42 Cluster-Kopfschmerzpatienten keinerlei Kopfschmerz. Bei 18 Probanden (42,9%) kam es zu einer Cluster-Attacke, drei Patienten (7,1%) bekamen nicht spezifische Kopfschmerzen. Weitere Attacken traten wie folgt auf: Nach 60 Minuten ein Patient, nach 70 min. einer, nach 90 min. zwei, je einer nach 120 und nach 150 Minuten und zwei Patienten nach 180 Minuten. Diese spät aufgetretenen Attacken seien nicht zu den für die Patienten sonst üblichen Zeiten für Attacken aufgetreten. Insgesamt wurden bei 26 der 42 Patienten Attacken ausgelöst (61,9%). Ohne die elf Patienten in Remission beträgt die Quote 26 von 31 Patienten (80,6%). Der Mittelwert der Latenzzeit war 65,4 ± 54,7 Minuten, Bereich 15 – 180 Minuten. Bei den 53 gesunden Kontrollpersonen traten keine Cluster-Attacken auf, bei zwei gesunden Patienten mit Migräne in der Familie traten Migräne Attacken auf.
''Anmerkung zu den 80,6 %, geprüft am 21.09.2026: Die beiden Angaben im vorstehenden Satz passen rechnerisch nicht zusammen — 26 von 31 wären 83,9 %, und 80,6 % entsprechen genau 25 von 31. Die Zahl 80,6 % steht so in der Arbeit, dort aber als '''Sensitivität''' des Tests bei den in der aktiven Phase getesteten Cluster-Patienten und nicht als Quote der hier gezählten Attacken. Vermutlich rechnet die Arbeit eine der 26 Attacken einer Person in der Remissionsphase zu; am Abstract ließ sich das nicht auflösen. Beide Angaben bleiben deshalb stehen, mit dem Hinweis, welche Zahl woher kommt.''


Während der ersten Stunde nach der Einnahme des Mittels trat bei 57 (33,9%) der 168 Migränepatienten ohne Aura eine Migräneattacke auf. Insgesamt trat ein spezifischer Migränekopfschmerz bei 138 (82,1%) der Patienten auf (Latenzzeit 136,4 ± 130,4 Minuten, Bereich 1 - 8 Stunden).
Während der ersten Stunde nach der Einnahme des Mittels trat bei 57 (33,9%) der 168 Migränepatienten ohne Aura eine Migräneattacke auf. Insgesamt trat ein spezifischer Migränekopfschmerz bei 138 (82,1%) der Patienten auf (Latenzzeit 136,4 ± 130,4 Minuten, Bereich 1 - 8 Stunden).


Jes Olesen weist in einem Kommentar<ref>Jes Olesen: Reliability of the nitroglycerin provocative test in the diagnosis of neurovascular headaches. ''Cephalalgia.'' 2005 Aug; '''25''' (8): 636-7; PMID 16033392.</ref> zu der Studie von Sancez et al. unter anderem darauf hin, dass die Nebenwirkungen nur sehr oberflächlich beschrieben wurden. 0,9 mg Nitroglycerin sei eine sehr hohe Dosis, man würde Fälle von [http://de.wikipedia.org/wiki/Hypotonie Hypotonie] und/oder Kreislaufstörungen erwarten.
Die Arbeit gibt für den Test außerdem eigene Gütemaße an. Bei den in der aktiven Phase getesteten Cluster-Patienten: '''Sensitivität 80,6 %, Spezifität 100 %, Treffergenauigkeit 92,9 %.''' In Alltagssprache heißt das dreierlei. Von 100 Menschen, die tatsächlich Cluster-Kopfschmerz haben und in der Episode getestet werden, fällt der Test bei etwa 81 positiv aus — bei etwa 19 also nicht, obwohl sie die Erkrankung haben. Bei keiner einzigen gesunden Person löste er eine Clusterattacke aus; er verwechselt also nicht. Und über alle Getesteten zusammen lag er in etwa 93 von 100 Fällen richtig. Für die Migräne ohne Aura nennt die Arbeit Sensitivität 82,1 %, Spezifität 96,2 % und Treffergenauigkeit 85,5 %, für die Migräne mit Aura dagegen nur eine Sensitivität von 13,6 % — dort taugt der Test also nicht. Der Schluss der Autoren fällt entsprechend positiv aus: „NPT is an easy, low-cost and reliable method for supporting the diagnosis of migraine without aura and cluster headache."<ref name="SAN"/> '''Diese Empfehlung von 2004 hat sich nicht durchgesetzt''' — warum, steht im Abschnitt [[#Wissensstand 2026|Wissensstand 2026]].
 
Jes Olesen weist in einem Kommentar<ref>Jes Olesen: Reliability of the nitroglycerin provocative test in the diagnosis of neurovascular headaches. ''Cephalalgia.'' 2005 Aug; '''25''' (8): 636-7; PMID 16033392. — Dazu eine Erwiderung der Autoren, ebenda Seite 637-9.</ref> zu der Studie von Sancez et al. unter anderem darauf hin, dass die Nebenwirkungen nur sehr oberflächlich beschrieben wurden. 0,9 mg Nitroglycerin sei eine sehr hohe Dosis, man würde Fälle von [http://de.wikipedia.org/wiki/Hypotonie Hypotonie] und/oder Kreislaufstörungen erwarten.
 
== Wissensstand 2026 ==
Die Abschnitte oben geben den Forschungsstand bis 2004 wieder, gesammelt bis 2016. Sie bleiben hier stehen, denn sie sind nicht falsch geworden — sie sind der Anfang einer Entwicklung. Seither hat sich dreierlei verändert: Die Leitlinien sind erneuert worden, der Test selbst ist erstmals gegen eine Scheinbehandlung geprüft worden, und er hat Nachfolger bekommen.
 
=== Was aus den Leitlinien geworden ist ===
Der Satz in der Einleitung, der Test werde in den „aktuellen Leitlinien" nicht mehr erwähnt, bezog sich auf die DMKG-Empfehlungen von 2005, die EFNS-Leitlinie von 2006 und die deutschsprachige Leitlinie von 2015. Dieser Stand ist inzwischen selbst überholt: Die Leitlinie von 2015 war bis 13.05.2020 gültig und ist '''abgelaufen'''. Eine Überarbeitung ist beim Leitlinienregister angemeldet — Anmeldedatum 24.07.2025, angemeldete Klasse S1, geplante Fertigstellung 31.12.2026, Koordination PD Dr. Tim Jürgens und Prof. Gudrun Goßrau.<ref name="AWMF030036">[https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/030-036 Registereintrag 030-036 „Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen" bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften], Status „Angemeldet", Art der Anmeldung „Überarbeitung", abgerufen am 21.09.2026.</ref>
 
Maßgeblich ist heute die Leitlinie der European Academy of Neurology von 2023.<ref name="EAN2023">{{cite journal |author=May A, Evers S, Goadsby PJ, Leone M, Manzoni GC, Pascual J, Carvalho V, Romoli M, Aleksovska K, Pozo-Rosich P, Jensen RH |title=European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache |journal=European Journal of Neurology |volume=30 |issue=10 |pages=2955-2979 |year=2023 |doi=10.1111/ene.15956}} [https://www.uems-neuroboard.org/web/images/docs/exam/2024/papers/06-EAN-guideline-cluster-headache2023.pdf PDF-Datei], abgerufen am 21.09.2026.</ref> '''Der Befund ist derselbe, nur deutlicher:''' Ein Nitroglyzerin-Provokationstest kommt dort als diagnostisches Hilfsmittel überhaupt nicht vor. Nitroglyzerin wird nur als Auslöser genannt, im Abschnitt zu den Klassifikationscodes 3.1.1 und 3.1.2: „During the symptomatic period, short and clustered attacks are typical (1–8 per day) and can be triggered by alcohol, nitroglycerin, or histamine." Zur Diagnose heißt es dort: „The diagnosis of cluster headache is based on a thorough patient interview and a clinical neurological examination" — sie beruht also auf dem Gespräch und der neurologischen Untersuchung. Dazu der Satz, der die Frage abschließend beantwortet: „Of note, no single technical or laboratory examination (e.g., imaging) is able to define, ensure, or differentiate primary headache disorders." Übersetzt: '''Es gibt keine einzige technische Untersuchung und keinen Laborwert, womit sich ein primärer Kopfschmerz feststellen, sichern oder von einem anderen abgrenzen ließe.''' Damit ist auch gesagt, warum ein Provokationstest in der Diagnostik keinen Platz hat: Er könnte nichts beweisen, was das Gespräch nicht ohnehin zeigt — und er verursacht dabei sicher Schmerzen.
 
Ebenso das Zitat aus der Klassifikation weiter oben: Es stammt aus der zweiten Ausgabe von 2004. Die dritte Ausgabe führt den Satz sinngleich weiter: „During a cluster period in 3.1.1 Episodic cluster headache, and at any time in 3.1.2 Chronic cluster headache, attacks occur regularly and may be provoked by alcohol, histamine or nitroglycerin."<ref name="ICHD3">[https://ichd-3.org/3-trigeminal-autonomic-cephalalgias/3-1-cluster-headache/ International Classification of Headache Disorders, 3. Ausgabe (ICHD-3), Abschnitt ''3.1 Cluster headache''], Kommentar zum Abschnitt, abgerufen am 21.09.2026.</ref> An dieser Stelle hat sich also in über zwanzig Jahren nichts geändert: Nitroglyzerin ist als Auslöser anerkannt — als Testverfahren nicht.
 
=== Der erste Test mit Scheinbehandlung: Wei und Goadsby 2021 ===
Allen Arbeiten oben fehlt dasselbe: eine Vergleichsgruppe. Keine von ihnen hat gemessen, wie oft in derselben Stunde auch ohne Nitroglyzerin eine Attacke aufgetreten wäre — und bei Menschen mit mehreren Attacken am Tag ist das eine ernste Lücke. Nachgeholt wurde das 2021 am King's College London.<ref name="WEI2021">{{cite journal |author=Wei DY, Goadsby PJ |title=Comprehensive clinical phenotyping of nitroglycerin infusion induced cluster headache attacks |journal=Cephalalgia |volume=41 |issue=8 |pages=913-933 |year=2021 |pmid=33615843 |pmc=8217894 |doi=10.1177/0333102421989617}} Einfach verblindete, placebokontrollierte Studie im Wechselverfahren; frei zugänglich. Online veröffentlicht am 20.02.2021.</ref>
 
Zwei Dinge sind dort anders gemacht worden als in allen älteren Arbeiten. Erstens wurde das Nitroglyzerin '''in die Vene''' gegeben und nach Körpergewicht bemessen — 0,5 Mikrogramm je Kilogramm und Minute über 20 Minuten — statt als feste Tablettendosis unter die Zunge. Zweitens gab es einen Durchgang mit Scheinbehandlung, und die Teilnehmer wussten nicht, was sie bekamen. Eingeschlossen wurden 33 Betroffene, 24 absolvierten alle drei Termine.
 
* '''Offene Gabe von Nitroglyzerin:''' Attacke bei 26 von 33 (79 %).
* '''Verblindete Gabe von Nitroglyzerin:''' Attacke bei 19 von 25 (76 %).
* '''Verblindete Scheinbehandlung:''' Attacke bei '''1 von 24 (4 %)'''.
 
Diese letzte Zahl fehlt in jeder älteren Arbeit auf dieser Seite, und sie ist die wichtigste: Der Abstand zwischen 76 und 4 Prozent zeigt, dass die ausgelöste Attacke tatsächlich am Nitroglyzerin liegt — und nicht daran, dass man Menschen mit häufigen Attacken lange genug beobachtet hat.
 
Nach Verlaufsform aufgeschlüsselt, offene Gabe: episodisch 16 von 19 (84 %, Vertrauensbereich 66 bis 100 %), chronisch 11 von 14 (79 %, 54 bis 100 %). Verblindete Gabe: episodisch 8 von 13 (62 %, 31 bis 92 %), chronisch 11 von 12 (92 %, 73 bis 100 %). Bei episodischem Verlauf trat die Attacke früher auf als bei chronischem (p = 0,016). Auch die Begleiterscheinungen ließen sich auslösen: die vegetativen Zeichen am Kopf bei 94 % (offen) und 84 % (verblindet) gegenüber 17 % unter Scheinbehandlung, andere Vorboten ohne Kopfschmerz bei 91 % und 84 % gegenüber 33 %.
 
'''Ein Nebenbefund, der die Einleitung dieser Seite bestätigt:''' Die dort aus der DMKG-Empfehlung von 1998 genannten 70 bis 80 Prozent stimmen — unter kontrollierten Bedingungen sind es 76 bis 79 Prozent.
 
=== Wozu der Test heute dient ===
Aus dem diagnostischen Hilfsmittel ist ein Forschungswerkzeug geworden. Wer verstehen will, was während einer Attacke im Körper geschieht, braucht eine Attacke zu einem planbaren Zeitpunkt — im Untersuchungsraum, mit Messgerät und Nadel bereit. Genau dafür wird Nitroglyzerin heute verwendet. Drei Beispiele:
 
* '''Bildgebung.''' Die Arbeit von Arne May und Peter Goadsby weiter oben (1998/9) hat dieses Vorgehen begründet. Fortgeführt wurde es 2022 mit einem Verfahren, das den Blutfluss im Gehirn ohne Kontrastmittel sichtbar macht, angewandt auf nitroglyzerin-ausgelöste Attacken.<ref name="WEI2022">{{cite journal |author=Wei DY, O'Daly O, Zelaya FO, Goadsby PJ |title=Areas of cerebral blood flow changes on arterial spin labelling with the use of symmetric template during nitroglycerin triggered cluster headache attacks |journal=Neuroimage Clin |volume=33 |pages=102920 |year=2022 |pmid=34972033 |pmc=8724947 |doi=10.1016/j.nicl.2021.102920}} Frei zugänglich. Online veröffentlicht am 22.12.2021.</ref>
* '''Vorboten.''' 2025 wurden bei 164 Betroffenen die Beschwerden untersucht, die einer Attacke vorausgehen — 122 der 164 (74 %) Männer, im Mittel 45,9 Jahre alt, 66 (40 %) mit chronischem Verlauf. 85 % hatten solche Vorboten. Und: '''Zwischen spontanen und nitroglyzerin-ausgelösten Attacken fand sich kein bedeutsamer Unterschied''' in der Häufigkeit dieser Beschwerden.<ref name="GONZALEZ2025">{{cite journal |author=Gonzalez-Martinez A, Wei DY, Karsan N, Nagaraj K, Gosalia H, Goadsby PJ |title=Evaluation of premonitory spontaneous and nitroglycerin triggered symptoms among patients with cluster headache and migraine |journal=Cephalalgia |volume=45 |issue=4 |pages=3331024251331554 |year=2025 |pmid=40302046 |doi=10.1177/03331024251331554}} Rückblickende Auswertung einer klinischen Gruppe zusammen mit zwei Provokationsgruppen.</ref> Das ist ein Gütesiegel für das Verfahren: Die ausgelöste Attacke läuft offenbar ab wie eine von selbst entstandene, samt Vorlauf.
* '''Botenstoffe.''' Im September 2026 hat die Neurologie der Universitätsklinik München gemessen, was in der Tränenflüssigkeit geschieht, während mit 0,9 mg Nitroglyzerin unter der Zunge eine Attacke ausgelöst wird. Von 89 vorgeprüften Betroffenen gingen 18 in die Auswertung ein, bei 16 ließ sich eine Attacke auslösen. Der CGRP-Gehalt der Tränen stieg von 2,34 auf 3,70 Nanogramm je Milliliter (p = 0,019) — und er stieg deutlich stärker bei starken Attacken (Schmerzstärke 5 und mehr: um 2,65) als bei schwachen (um 0,07; p = 0,015).<ref name="KAMM2026">{{cite journal |author=Kamm K, Angelhuber M, Le Prince AM, Straube A, Ruscheweyh R |title=Tear Fluid Calcitonin Gene-Related Peptide Levels Are Elevated in Glycerol Trinitrate-Induced Cluster Headache Attacks: Results From an Exploratory Study |journal=Eur J Neurol |volume=33 |issue=9 |pages=e70745 |year=2026 |pmid=42706894 |pmc=13551003 |doi=10.1111/ene.70745}} Erkundende Studie ohne Vergleichsgruppe; frei zugänglich. Online veröffentlicht am 01.09.2026.</ref> CGRP ist der Botenstoff, gegen den sich die neuen Migränemittel und die beim Cluster-Kopfschmerz geprüften Antikörper richten (siehe [[Cluster-Kopfschmerz Behandlung#CGRP Antikörper|CGRP-Antikörper]]).
 
'''Ein Widerspruch, der offen ist.''' Die Münchner Arbeit hält im ersten Absatz fest, die Rolle von CGRP beim Cluster-Kopfschmerz sei in Zweifel gezogen worden. Der Grund: 2024 hat das Dänische Kopfschmerzzentrum bei 201 Betroffenen und 100 nach Alter und Geschlecht passenden gesunden Vergleichspersonen CGRP im Blut gemessen — und fand es bei den Betroffenen '''niedriger''' als bei den Gesunden.<ref name="PETERSEN2024">{{cite journal |author=Petersen AS, Lund N, Meßlinger K, Christensen SL, Barloese M, Jørgensen NR, Kogelman L, Jensen RH |title=Reduced plasma calcitonin gene-related peptide level identified in cluster headache: A prospective and controlled study |journal=Cephalalgia |volume=44 |issue=3 |pages=3331024231223970 |year=2024 |pmid=38436282 |doi=10.1177/03331024231223970}} Vorausschauende Fall-Kontroll-Studie.</ref> Innerhalb der episodischen Gruppe lag der Wert in der Episode höher als in der Remission (Unterschied 17,1 pmol/l, Vertrauensbereich 9,8 bis 24,3; p < 0,0001), in der Episode aber nicht anders als beim chronischen Verlauf. Der Schluss der Autoren: „Plasma CGRP is unsuitable as a diagnostic biomarker of cluster headache or its disease states" — als Laborwert zur Diagnose taugt es nicht.
 
Beides zugleich kann zutreffen, und wahrscheinlich tut es das: Im Vergleich mit Gesunden liegt der Wert im Blut niedriger, innerhalb einer Person steigt er aber, wenn die Episode beginnt, und noch einmal, wenn eine Attacke läuft. '''Der Vergleich zwischen Menschen und der Vergleich innerhalb eines Menschen sind zwei verschiedene Fragen''' — sie können verschieden ausfallen, ohne dass eine der beiden Messungen falsch ist. Für diese Seite zählt vor allem die zweite Hälfte des dänischen Ergebnisses: Auch der modernste Laborwert liefert keinen Diagnosetest, genau wie die Leitlinie es sagt.
 
=== Der Test hat Nachfolger ===
Nitroglyzerin war jahrzehntelang der einzige Weg, eine Attacke planbar auszulösen. Inzwischen gibt es andere — und einer davon hat die Behandlung verändert.
 
'''CGRP als Auslöser, 2018.''' Am Dänischen Kopfschmerzzentrum wurde CGRP selbst in die Vene gegeben, 1,5 Mikrogramm je Minute über 20 Minuten, gegen Scheinbehandlung und '''randomisiert und doppelblind''': Die Zuteilung erfolgte per Zufall, und weder die Betroffenen noch die Untersucher wussten, wer was bekam. Von 91 geprüften Bewerbern gingen 32 in die Auswertung ein.<ref name="VOLLESEN2018">{{cite journal |author=Vollesen ALH, Snoer A, Beske RP, Guo S, Hoffmann J, Jensen RH, Ashina M |title=Effect of Infusion of Calcitonin Gene-Related Peptide on Cluster Headache Attacks: A Randomized Clinical Trial |journal=JAMA Neurol |volume=75 |issue=10 |pages=1187-1197 |year=2018 |pmid=29987329 |pmc=6233850 |doi=10.1001/jamaneurol.2018.1675}} Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie im Wechselverfahren; ClinicalTrials.gov NCT02466334.</ref> Das Ergebnis folgt genau dem Muster, das Ekbom 1968 mit Nitroglyzerin gefunden hatte:
 
* '''Episodisch, in der Episode:''' Attacke bei 8 von 9 (89 %) gegenüber 1 von 9 (11 %) unter Scheinbehandlung.
* '''Episodisch, in der Remission:''' bei niemandem eine Attacke — weder unter CGRP noch unter Scheinbehandlung.
* '''Chronisch:''' Attacke bei 7 von 14 (50 %) gegenüber keinem einzigen unter Scheinbehandlung.
 
Der Schluss der Autoren: „These results suggest anti-CGRP drugs may be effective in cluster headache management." Diese Arbeit ist die Begründung dafür, dass die CGRP-Antikörper beim Cluster-Kopfschmerz überhaupt erprobt wurden — und sie zeigt, wozu ein Provokationsversuch heute taugt: nicht zur Diagnose bei einem einzelnen Menschen, sondern zur Suche nach Angriffspunkten für Medikamente.
 
'''Und ein Fund, der zeigt, wo die Attacke entsteht.''' 2018 wurde in Hamburg versucht, nur die Begleiterscheinungen auszulösen. Mit einem Gerät, das die Nasenschleimhaut in Schwingung versetzt, wurde bei 29 Betroffenen auf der betroffenen Seite kräftig Tränenfluss und die übrige vegetative Reaktion erzeugt — messbar und deutlich gegenüber der Ruhe.<ref name="MOELLER2018">{{cite journal |author=Möller M, Haji AA, Hoffmann J, May A |title=Peripheral provocation of cranial autonomic symptoms is not sufficient to trigger cluster headache attacks |journal=Cephalalgia |volume=38 |issue=8 |pages=1498-1502 |year=2018 |pmid=29082823 |doi=10.1177/0333102417738248}} Online veröffentlicht am 30.10.2017.</ref> '''Bei keinem einzigen der 23 nachbeobachteten Teilnehmer löste das eine Attacke aus''' — in den vier Stunden danach nicht und während des Klinikaufenthalts nicht. Der Schluss der Autoren: Die starke Reaktion am Nervenknoten in der Nase genügt nicht; für die Entstehung einer Attacke ist ein „central component" nötig, also etwas im Gehirn selbst. Das passt zu dem, was die Bildgebung seit 1998 zeigt — und es erklärt, warum ein Auslöser von außen nur in der Episode wirkt und in der Remission nicht.
 
=== Was der Test nicht zeigt ===
Eine Attacke auslösen zu können heißt nicht, sie erklärt zu haben. Das ist am Nitroglyzerin selbst überprüft worden. Bei dauernder Nitratzufuhr gewöhnt sich der Körper an die Wirkung; diese Gewöhnung heißt Nitrattoleranz. In einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie im Wechselverfahren nahmen neun Betroffene mit chronischem Verlauf vier Wochen lang dreimal täglich 30 mg Isosorbid-5-mononitrat.<ref name="CHRISTIANSEN2000">{{cite journal |author=Christiansen I, Iversen HK, Olesen J |title=Induction of nitrate tolerance is not a useful treatment in cluster headache |journal=Cephalalgia |volume=20 |issue=5 |pages=445-454 |year=2000 |pmid=11037740 |doi=10.1046/j.1468-2982.2000.00068.x}} Doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte Studie im Wechselverfahren.</ref> Die Gewöhnung trat ein, und '''der durch Nitrat ausgelöste Kopfschmerz verschwand mit ihr — die Zahl der Clusterattacken blieb unverändert.'''
 
Daraus folgt der Satz, der bei jeder Erwähnung dieses Tests mitgedacht werden muss: '''Der Nitratkopfschmerz und die Clusterattacke sind nicht dasselbe.''' Sonst hätten beide gemeinsam nachgelassen. Das Stickstoffmonoxid löst eine Attacke aus, erklärt sie aber nicht vollständig. Näheres im Abschnitt [[Ernährungsumstellung#Nitrat|Nitrat]] auf der Seite zur [[Ernährungsumstellung]]; dort steht auch, dass es zu Nitrat im Essen bis heute keine einzige Untersuchung beim Cluster-Kopfschmerz gibt, während langwirksame Nitrate als Herzmedikament Episoden auslösen können.
 
=== Die Trefferquoten im Überblick ===
Alle Zahlen dieser Seite in der Reihenfolge ihres Erscheinens. Die letzte Spalte macht den Unterschied zwischen den älteren und den neueren Arbeiten sichtbar: Erst 2021 gab es überhaupt eine Scheinbehandlung zum Vergleich.
 
{| class="wikitable"
! Arbeit !! Jahr !! Nitroglyzerin !! Getestet !! Attacke ausgelöst !! Scheinbehandlung
|-
| Peters || 1953 || 1,3 mg unter die Zunge || 14, Verlaufsform und Episode unklar || 11 von 14 (79 %) || keine
|-
| Ekbom || 1968 || 1 mg unter die Zunge || 28 in der Episode (48 Tests) || alle Tests erfolgreich || keine; 15 Personen außerhalb der Episode (16 Tests): keine Attacke
|-
| Drummond und Anthony || 1985 || 0,9 mg unter die Zunge || 22, episodisch und chronisch gemischt || 14 von 22 (64 %) beim ersten Versuch || keine
|-
| Bogucki || 1989/90 || 1 mg unter die Zunge || episodisch, in der Episode || erfolgreich; Latenz 30 bis 65 Minuten || keine
|-
| Hannerz und Jogestrand || 1996 || 1 mg unter die Zunge || 5, chronisch || 1 von 5 (20 %) || keine
|-
| Fanciullacci || 1997 || 0,9 mg unter die Zunge || 11 in der Episode || 11 von 11 (100 %) || keine; 8 Personen außerhalb der Episode: keine Attacke
|-
| May und Goadsby || 1998/9 || Spray || 9 in der Episode || 9 von 9 (100 %) || keine; 8 Personen außerhalb der Episode: keine Attacke
|-
| Costa || 2000 || 0,9 mg unter die Zunge || 15 in der aktiven Phase || 9 von 15 (60 %) || keine
|-
| Costa || 2003 || 0,9 mg unter die Zunge || 18 in der Episode || 12 von 18 (67 %) || keine
|-
| Sances || 2004 || 0,9 mg unter die Zunge || 42, davon 11 in der Remission || 26 von 42 (62 %); Sensitivität in der aktiven Phase 80,6 % || keine; 53 gesunde Personen: keine Clusterattacke
|-
| '''Wei und Goadsby''' || '''2021''' || '''0,5 µg je kg und Minute über 20 Minuten in die Vene''' || '''33, in der Episode oder chronisch''' || '''26 von 33 (79 %) offen, 19 von 25 (76 %) verblindet''' || '''1 von 24 (4 %)'''
|-
| Kamm || 2026 || 0,9 mg unter die Zunge || 18 in der Episode oder chronisch || 16 von 18 (89 %) || keine
|}
 
=== Was das für Betroffene bedeutet ===
* '''Für die Diagnose braucht niemand diesen Test.''' Sie stellt sich aus der Schilderung der Attacken und der neurologischen Untersuchung. Die Leitlinie von 2023 sagt ausdrücklich, dass keine einzige technische Untersuchung und kein Laborwert das ersetzen kann. Wird ein Provokationstest angeboten, ist die Frage berechtigt, was er im eigenen Fall ändern soll.
* '''Der Test tut weh, und das ist sein Zweck.''' Er löst eine echte Attacke aus. Jes Olesen hat 2005 darauf hingewiesen, dass 0,9 mg eine sehr hohe Dosis sind und Kreislaufprobleme zu erwarten wären. Die ethischen Bedenken, mit denen diese Seite beginnt, sind durch die neueren Arbeiten nicht kleiner geworden — sie betreffen jetzt die Forschung statt die Diagnostik.
* '''In der Remission funktioniert er nicht.''' Das ist seit Ekbom 1968 unverändert und wurde 2018 mit CGRP erneut gefunden. Ein negatives Ergebnis außerhalb einer Episode bedeutet nichts.
* '''Gebraucht wird er in der Forschung.''' Praktisch jede Erkenntnis über den Ablauf einer Attacke — Bildgebung, Vorboten, Botenstoffe — stammt aus Untersuchungen, in denen Betroffene sich eine Attacke auslösen ließen. Auch die CGRP-Antikörper gehen darauf zurück.


== Externe Links ==
== Externe Links ==