Nitroglyzerin-Provokationstest: Unterschied zwischen den Versionen
Cezary (Diskussion | Beiträge) Einleitung: die Aussage zu den Leitlinien datiert (DMKG 2005, DGN 2015, EFNS 2006) und um die EAN-Leitlinie 2023 ergänzt; das Klassifikationszitat als zweite Ausgabe von 2004 gekennzeichnet, mit Verweis auf die dritte Ausgabe. Bestehender Text unverändert |
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Ethisch umstritten und nicht zu 100% zuverlässig ist der '''Nitroglyzerin-Provokationstest'''. Während einer Clusterperiode kann bei 70 – 80 % der Patienten eine Clusterattacke durch Gabe von sublingualem Nitroglyzerin ([ | Ethisch umstritten und nicht zu 100% zuverlässig ist der '''Nitroglyzerin-Provokationstest'''. Während einer Clusterperiode kann bei 70 – 80 % der Patienten eine Clusterattacke durch Gabe von sublingualem Nitroglyzerin ([https://de.wikipedia.org/wiki/Glycerintrinitrat Glycerintrinitrat]) ausgelöst werden. Für eine erfolgreiche Provokation einer solchen [https://de.wikipedia.org/wiki/Iatrogen iatrogen] ausgelösten Attacke ist es erforderlich, dass innerhalb der letzten acht Stunden keine Attacke aufgetreten ist, dass innerhalb der letzten 24 Stunden keine Adern verengenden Substanzen eingenommen wurden und dass keine medikamentöse Prophylaxe betrieben wird. | ||
Zitat aus der IHS-ICHD-II Klassifikation 3.1 — das ist die '''zweite''' Ausgabe von 2004; die heute gültige dritte Ausgabe führt den Satz sinngleich weiter, siehe [[#Was aus den Leitlinien geworden ist|unten]]:<ref name="IHS">[ | Nach Gabe von 1 mg Nitroglyzerin sublingual lässt sich dann oft, aber nicht bei allen Patienten, innerhalb von 30 bis 60 Minuten die Attacke auslösen.<ref>DMKG - Die Therapie des Cluster-Kopfschmerzes (1998)</ref> Der Test wird als positiv angesehen, wenn die dadurch verursachte Attacke den klinisch spontanen Clusterattacken entspricht. | ||
Der Nitroglyzerin-Test lässt sich nicht einsetzen, wenn sich der Patient in einer Remissionsphase befindet. Auch Migräneattacken können durch einen solchen Nitroglyzerin-Test ausgelöst werden.<ref name="PETERS">Peters, GA.: Migraine: diagnosis and treatment with emphasis on the migraine-tension head-ache, provocative tests and use of rectal suppositories. ''Proc Staff Meet Mayo Clin.'' 1953; '''28'''(24): 673-86. PMID 13121092.</ref><ref name="SAN">Sances G, Tassorelli C, Pucci E, Ghiotto N, Sandrini G, Nappi G.: Reliability of the nitroglycerin provocative test in the diagnosis of neurovascular headaches. ''Cephalalgia.'' 2004 Feb; '''24'''(2): 110-9. PMID 14728706.</ref> Der Nitroglyzerin-Provokationstest wird in den späteren Leitlinien der DMKG,<ref name="DMKG">{{cite journal |author=May A, Evers S, Straube A, Pfaffenrath V, Diener HC |title=Therapie und Prophylaxe von Cluster-Kopfschmerzen und anderen trigemino-autonomen Kopfschmerzen. Überarbeitete Empfehlungen der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft |journal=Schmerz |volume=19 |issue=3 |pages=225–41 |year=2005 |month=June |pmid=15887001 |doi=10.1007/s00482-005-0397-8 |url=}} [https://web.archive.org/web/20151106202717/http://www.dmkg.de/dmkg/sites/default/files/therapieempfehlung%20clusterkopfschmerz.pdf DMKG: PDF-Datei]</ref> der DGN<ref name="DG">Leitlinie "Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen". Herausgegeben von der Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie, der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft und dem Berufsverband deutscher Neurologen. Stand: 14.05.2015, gültig bis 13.05.2020; eine Neufassung ist angemeldet, geplante Fertigstellung 31.12.2026. - [https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/030-036 Online bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften]</ref> und der EFNS<ref>May A, Leone M, Áfra J, Linde M, Sándor PS, Evers S, Goadsby PJ.: EFNS guidelines on the treatment of cluster headache and other trigeminalautonomic cephalalgias. ''European Journal of Neurology.'' 2006; '''13''': 1066–1077. PMID 16987158, [http://www.efns.org/fileadmin/user_upload/guidline_papers/EFNS_guideline_2006_cluster_headache_and_other_trigeminal_autonomic.pdf PDF-Datei]. [https://doi.org/10.1111/j.1468-1331.2006.01566.x DOI]</ref> nicht mehr erwähnt. Auch die heute maßgebliche Leitlinie der European Academy of Neurology von 2023 nennt ihn nicht; nach ihr beruht die Diagnose auf einer gründlichen Befragung und einer neurologischen Untersuchung.<ref name="EAN2023"/> Einzelheiten im Abschnitt [[#Neuere Entwicklungen|Neuere Entwicklungen]]. | |||
Zitat aus der IHS-ICHD-II Klassifikation 3.1 — das ist die '''zweite''' Ausgabe von 2004; die heute gültige dritte Ausgabe führt den Satz sinngleich weiter, siehe [[#Was aus den Leitlinien geworden ist|unten]]:<ref name="IHS">[https://ihs-classification.org/de/02_klassifikation/02_teil1/03.01.00_cluster.html IHS/ICHD-II Klassifikation ''3.1 Cluster-Kopfschmerz'']</ref> "Während einer Clusterperiode und bei der chronischen Verlaufsform können Attacken regelmäßig durch Alkohol, Histamin oder Nitroglyzerin ausgelöst werden." | |||
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* Keine gefäßverengenden Medikamente innerhalb von 18 Stunden vor dem Test | * Keine gefäßverengenden Medikamente innerhalb von 18 Stunden vor dem Test | ||
* Keine vorbeugende Medikation. | * Keine vorbeugende Medikation. | ||
Die Patienten erhielten nach 15 Minuten in ruhender Position 1mg GTN (2 Tabletten von 0,5mg sublingual). Insgesamt wurden 64 Tests an 38 Patienten durchgeführt, 48 davon bei 28 Patienten während der Episode. 16 Kontrollversuche erfolgten bei 15 Patienten außerhalb der Episode. Zwei bis drei Minuten nach der Gabe von GTN bemerkten die Patienten einen pulsierenden Druck, beidseitig im Bereich der Stirn, der Schläfen oder am ganzen Kopf. Diese Symptome wurden von den Patienten nur selten als tatsächlicher Schmerz beschrieben und verschwanden vollständig nach 10 bis 20 Minuten. Die mittlere Latenzzeit bis zum Auftreten der Attacke betrug 41 Minuten ([ | Die Patienten erhielten nach 15 Minuten in ruhender Position 1mg GTN (2 Tabletten von 0,5mg sublingual). Insgesamt wurden 64 Tests an 38 Patienten durchgeführt, 48 davon bei 28 Patienten während der Episode. 16 Kontrollversuche erfolgten bei 15 Patienten außerhalb der Episode. Zwei bis drei Minuten nach der Gabe von GTN bemerkten die Patienten einen pulsierenden Druck, beidseitig im Bereich der Stirn, der Schläfen oder am ganzen Kopf. Diese Symptome wurden von den Patienten nur selten als tatsächlicher Schmerz beschrieben und verschwanden vollständig nach 10 bis 20 Minuten. | ||
Die mittlere Latenzzeit bis zum Auftreten der Attacke betrug 41 Minuten ([https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelwert Mittelwert], Standardabweichung ±3 Minuten, Bereich 12 bis 72 Minuten). Alle Tests, die bei den 28 Patienten während der Episode durchgeführt wurden, waren erfolgreich. Die provozierten Attacken waren identisch mit den spontanen Attacken der Patienten. Bei den Patienten außerhalb der Episode konnten keine Attacken ausgelöst werden. | |||
== Drummond == | == Drummond == | ||
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== Fanciullacci == | == Fanciullacci == | ||
Fanciullacci et al. untersuchten 1997 Auswirkungen von GTN auf das trigeminovaskuläre System.<ref>[http://brain.oxfordjournals.org/cgi/reprint/120/2/283 Fanciullacci et al.: Responsiveness of the trigeminovascular system to nitroglycerine in cluster headache patients. ''Brain'' (1997), '''120''', 283–288 (PDF-Datei)] PMID 9117375</ref> Dazu wurden bei zehn männlichen und bei einer weiblichen Patientin während der Episode mit 0,9 mg GTN sublingual zuverlässig Attacken ausgelöst. Der [ | Fanciullacci et al. untersuchten 1997 Auswirkungen von GTN auf das trigeminovaskuläre System.<ref>[http://brain.oxfordjournals.org/cgi/reprint/120/2/283 Fanciullacci et al.: Responsiveness of the trigeminovascular system to nitroglycerine in cluster headache patients. ''Brain'' (1997), '''120''', 283–288 (PDF-Datei)] PMID 9117375</ref> Dazu wurden bei zehn männlichen und bei einer weiblichen Patientin während der Episode mit 0,9 mg GTN sublingual zuverlässig Attacken ausgelöst. Der [https://de.wikipedia.org/wiki/Mittelwert Mittelwert] der Latenzzeit bis zum Auftreten der Schmerzen war 27 ± 3 Minuten (Bereich 18–50 Minuten). 6mg Sumatriptan subkutan beendeten die Attacken nach 11 ± 2 Minuten (Bereich 5–19 Minuten). Bei acht Patienten konnten außerhalb der Episode keine Attacken ausgelöst werden. | ||
== May == | == May == | ||
Arne May und das Team von Prof. Peter J Goadsby verwendeten 1998/9 Nitroglyzerin-Spray zur Auslösung von Attacken zwecks Untersuchung der Vorgänge im Gehirn durch bildgebende Verfahren. Attacken konnten bei neun von neun Patienten in der Episode ausgelöst werden. Bei den acht Patienten die außerhalb der Episode waren wurden durch das Spray keine Attacken ausgelöst.<ref>May et al.: PET and MRA findings in cluster headache and MRA in experimental pain. ''Neurology'' 2000;'''55''':1328-1335, PMID 11087776.</ref> | Arne May und das Team von Prof. Peter J Goadsby verwendeten 1998/9 Nitroglyzerin-Spray zur Auslösung von Attacken zwecks Untersuchung der Vorgänge im Gehirn durch bildgebende Verfahren. Attacken konnten bei neun von neun Patienten in der Episode ausgelöst werden. Bei den acht Patienten die außerhalb der Episode waren wurden durch das Spray keine Attacken ausgelöst.<ref>May et al.: PET and MRA findings in cluster headache and MRA in experimental pain. ''Neurology'' 2000;'''55''':1328-1335, PMID 11087776.</ref> | ||
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Die 42 Cluster-Patienten waren mindestens seit einem Monat vor dem Test ohne vorbeugende Medikation und hatten seit mindesten 12 Stunden vor dem Test keine Akutmedikation verwendet. Elf der Patienten befanden sich in der Remissionsphase. Die Attackenfrequenz der Patienten betrug 2,4 ± 1,9 pro Tag (Mittelwert ± Standardabweichung). Wie viele der Patienten an der episodischen und wie viele an der chronischen Verlaufsform erkrankt waren ist aus dem Bericht nicht zu erkennen. | Die 42 Cluster-Patienten waren mindestens seit einem Monat vor dem Test ohne vorbeugende Medikation und hatten seit mindesten 12 Stunden vor dem Test keine Akutmedikation verwendet. Elf der Patienten befanden sich in der Remissionsphase. Die Attackenfrequenz der Patienten betrug 2,4 ± 1,9 pro Tag (Mittelwert ± Standardabweichung). Wie viele der Patienten an der episodischen und wie viele an der chronischen Verlaufsform erkrankt waren ist aus dem Bericht nicht zu erkennen. | ||
Innerhalb der ersten Stunde nach der Gabe von GTN 0,9 mg sublingual entstand bei 21 (50%) der 42 Cluster-Kopfschmerzpatienten keinerlei Kopfschmerz. Bei 18 Probanden (42,9%) kam es zu einer Cluster-Attacke, drei Patienten (7,1%) bekamen nicht spezifische Kopfschmerzen. Weitere Attacken traten wie folgt auf: Nach 60 Minuten ein Patient, nach 70 min. einer, nach 90 min. zwei, je einer nach 120 und nach 150 Minuten und zwei Patienten nach 180 Minuten. Diese spät aufgetretenen Attacken seien nicht zu den für die Patienten sonst üblichen Zeiten für Attacken aufgetreten | Innerhalb der ersten Stunde nach der Gabe von GTN 0,9 mg sublingual entstand bei 21 (50%) der 42 Cluster-Kopfschmerzpatienten keinerlei Kopfschmerz. Bei 18 Probanden (42,9%) kam es zu einer Cluster-Attacke, drei Patienten (7,1%) bekamen nicht spezifische Kopfschmerzen. Weitere Attacken traten wie folgt auf: Nach 60 Minuten ein Patient, nach 70 min. einer, nach 90 min. zwei, je einer nach 120 und nach 150 Minuten und zwei Patienten nach 180 Minuten. Diese spät aufgetretenen Attacken seien nicht zu den für die Patienten sonst üblichen Zeiten für Attacken aufgetreten. | ||
Insgesamt wurden bei 26 der 42 Patienten Attacken ausgelöst (61,9%). Für die 31 in der aktiven Phase getesteten Patienten gibt die Arbeit eine Sensitivität des Tests von 80,6 % an; das entspricht 25 von 31 (siehe unten).<ref name="SAN"/> Der Mittelwert der Latenzzeit war 65,4 ± 54,7 Minuten, Bereich 15 – 180 Minuten. Bei den 53 gesunden Kontrollpersonen traten keine Cluster-Attacken auf, bei zwei gesunden Patienten mit Migräne in der Familie traten Migräne Attacken auf. | |||
Während der ersten Stunde nach der Einnahme des Mittels trat bei 57 (33,9%) der 168 Migränepatienten ohne Aura eine Migräneattacke auf. Insgesamt trat ein spezifischer Migränekopfschmerz bei 138 (82,1%) der Patienten auf (Latenzzeit 136,4 ± 130,4 Minuten, Bereich 1 - 8 Stunden). | Während der ersten Stunde nach der Einnahme des Mittels trat bei 57 (33,9%) der 168 Migränepatienten ohne Aura eine Migräneattacke auf. Insgesamt trat ein spezifischer Migränekopfschmerz bei 138 (82,1%) der Patienten auf (Latenzzeit 136,4 ± 130,4 Minuten, Bereich 1 - 8 Stunden). | ||
Die Arbeit gibt für den Test außerdem eigene Gütemaße an. Bei den in der aktiven Phase getesteten Cluster-Patienten: '''Sensitivität 80,6 %, Spezifität 100 %, Treffergenauigkeit 92,9 %.''' In Alltagssprache heißt das dreierlei. Von 100 Menschen, die tatsächlich Cluster-Kopfschmerz haben und in der Episode getestet werden, fällt der Test bei etwa 81 positiv aus — bei etwa 19 also nicht, obwohl sie die Erkrankung haben. Bei keiner einzigen gesunden Person löste er eine Clusterattacke aus; er verwechselt also nicht. Und über alle Getesteten zusammen lag er in etwa 93 von 100 Fällen richtig. Für die Migräne ohne Aura nennt die Arbeit Sensitivität 82,1 %, Spezifität 96,2 % und Treffergenauigkeit 85,5 %, für die Migräne mit Aura dagegen nur eine Sensitivität von 13,6 % — dort taugt der Test also nicht. Der Schluss der Autoren fällt entsprechend positiv aus: „NPT is an easy, low-cost and reliable method for supporting the diagnosis of migraine without aura and cluster headache."<ref name="SAN"/> '''Diese Empfehlung von 2004 hat sich nicht durchgesetzt''' — warum, steht im Abschnitt [[# | Die Arbeit gibt für den Test außerdem eigene Gütemaße an. Bei den in der aktiven Phase getesteten Cluster-Patienten: '''Sensitivität 80,6 %, Spezifität 100 %, Treffergenauigkeit 92,9 %.''' In Alltagssprache heißt das dreierlei. Von 100 Menschen, die tatsächlich Cluster-Kopfschmerz haben und in der Episode getestet werden, fällt der Test bei etwa 81 positiv aus — bei etwa 19 also nicht, obwohl sie die Erkrankung haben. Bei keiner einzigen gesunden Person löste er eine Clusterattacke aus; er verwechselt also nicht. Und über alle Getesteten zusammen lag er in etwa 93 von 100 Fällen richtig. | ||
Für die Migräne ohne Aura nennt die Arbeit Sensitivität 82,1 %, Spezifität 96,2 % und Treffergenauigkeit 85,5 %, für die Migräne mit Aura dagegen nur eine Sensitivität von 13,6 % — dort taugt der Test also nicht. Der Schluss der Autoren fällt entsprechend positiv aus: „NPT is an easy, low-cost and reliable method for supporting the diagnosis of migraine without aura and cluster headache."<ref name="SAN"/> '''Diese Empfehlung von 2004 hat sich nicht durchgesetzt''' — warum, steht im Abschnitt [[#Neuere Entwicklungen|Neuere Entwicklungen]]. | |||
Jes Olesen weist in einem Kommentar<ref>Jes Olesen: Reliability of the nitroglycerin provocative test in the diagnosis of neurovascular headaches. ''Cephalalgia.'' 2005 Aug; '''25''' (8): 636-7; PMID 16033392. — Dazu eine Erwiderung der Autoren, ebenda Seite 637-9.</ref> zu der Studie von Sancez et al. unter anderem darauf hin, dass die Nebenwirkungen nur sehr oberflächlich beschrieben wurden. 0,9 mg Nitroglycerin sei eine sehr hohe Dosis, man würde Fälle von [ | Jes Olesen weist in einem Kommentar<ref>Jes Olesen: Reliability of the nitroglycerin provocative test in the diagnosis of neurovascular headaches. ''Cephalalgia.'' 2005 Aug; '''25''' (8): 636-7; PMID 16033392. — Dazu eine Erwiderung der Autoren, ebenda Seite 637-9.</ref> zu der Studie von Sancez et al. unter anderem darauf hin, dass die Nebenwirkungen nur sehr oberflächlich beschrieben wurden. 0,9 mg Nitroglycerin sei eine sehr hohe Dosis, man würde Fälle von [https://de.wikipedia.org/wiki/Hypotonie Hypotonie] und/oder Kreislaufstörungen erwarten. | ||
== Wissensstand 2026 | == Neuere Entwicklungen == | ||
Die | {{Anker|Wissensstand 2026}} | ||
Die Arbeiten oben reichen bis 2004. Seither hat sich dreierlei verändert: Die Leitlinien sind erneuert worden, der Test selbst ist erstmals gegen eine Scheinbehandlung geprüft worden, und er hat Nachfolger bekommen. | |||
=== Was aus den Leitlinien geworden ist === | === Was aus den Leitlinien geworden ist === | ||
Die DMKG-Empfehlungen von 2005, die EFNS-Leitlinie von 2006 und die deutschsprachige Leitlinie von 2015 erwähnen den Test nicht mehr. Die Leitlinie von 2015 war bis 13.05.2020 gültig und ist '''abgelaufen'''. Eine Überarbeitung ist beim Leitlinienregister angemeldet — Anmeldedatum 24.07.2025, angemeldete Klasse S1, geplante Fertigstellung 31.12.2026, Koordination PD Dr. Tim Jürgens und Prof. Gudrun Goßrau.<ref name="AWMF030036">[https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/030-036 Registereintrag 030-036 „Clusterkopfschmerz und trigeminoautonome Kopfschmerzen" bei der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften], Status „Angemeldet", Art der Anmeldung „Überarbeitung", abgerufen am 21.09.2026.</ref> | |||
Maßgeblich ist heute die Leitlinie der European Academy of Neurology von 2023.<ref name="EAN2023">{{cite journal |author=May A, Evers S, Goadsby PJ, Leone M, Manzoni GC, Pascual J, Carvalho V, Romoli M, Aleksovska K, Pozo-Rosich P, Jensen RH |title=European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache |journal=European Journal of Neurology |volume=30 |issue=10 |pages=2955-2979 |year=2023 |doi=10.1111/ene.15956}} [https://www.uems-neuroboard.org/web/images/docs/exam/2024/papers/06-EAN-guideline-cluster-headache2023.pdf PDF-Datei], abgerufen am 21.09.2026.</ref> '''Der Befund ist derselbe, nur deutlicher:''' Ein Nitroglyzerin-Provokationstest kommt dort als diagnostisches Hilfsmittel überhaupt nicht vor. Nitroglyzerin wird nur als Auslöser genannt, im Abschnitt zu den Klassifikationscodes 3.1.1 und 3.1.2: „During the symptomatic period, short and clustered attacks are typical (1–8 per day) and can be triggered by alcohol, nitroglycerin, or histamine." Zur Diagnose heißt es dort: „The diagnosis of cluster headache is based on a thorough patient interview and a clinical neurological examination" — sie beruht also auf dem Gespräch und der neurologischen Untersuchung. Dazu der Satz, der die Frage abschließend beantwortet: „Of note, no single technical or laboratory examination (e.g., imaging) is able to define, ensure, or differentiate primary headache disorders." Übersetzt: '''Es gibt keine einzige technische Untersuchung und keinen Laborwert, womit sich ein primärer Kopfschmerz feststellen, sichern oder von einem anderen abgrenzen ließe.''' Damit ist auch gesagt, warum ein Provokationstest in der Diagnostik keinen Platz hat: Er könnte nichts beweisen, was das Gespräch nicht ohnehin zeigt — und er verursacht dabei sicher Schmerzen. | Maßgeblich ist heute die Leitlinie der European Academy of Neurology von 2023.<ref name="EAN2023">{{cite journal |author=May A, Evers S, Goadsby PJ, Leone M, Manzoni GC, Pascual J, Carvalho V, Romoli M, Aleksovska K, Pozo-Rosich P, Jensen RH |title=European Academy of Neurology guidelines on the treatment of cluster headache |journal=European Journal of Neurology |volume=30 |issue=10 |pages=2955-2979 |year=2023 |doi=10.1111/ene.15956}} [https://www.uems-neuroboard.org/web/images/docs/exam/2024/papers/06-EAN-guideline-cluster-headache2023.pdf PDF-Datei], abgerufen am 21.09.2026.</ref> '''Der Befund ist derselbe, nur deutlicher:''' Ein Nitroglyzerin-Provokationstest kommt dort als diagnostisches Hilfsmittel überhaupt nicht vor. Nitroglyzerin wird nur als Auslöser genannt, im Abschnitt zu den Klassifikationscodes 3.1.1 und 3.1.2: „During the symptomatic period, short and clustered attacks are typical (1–8 per day) and can be triggered by alcohol, nitroglycerin, or histamine." Zur Diagnose heißt es dort: „The diagnosis of cluster headache is based on a thorough patient interview and a clinical neurological examination" — sie beruht also auf dem Gespräch und der neurologischen Untersuchung. | ||
Dazu der Satz, der die Frage abschließend beantwortet: „Of note, no single technical or laboratory examination (e.g., imaging) is able to define, ensure, or differentiate primary headache disorders." Übersetzt: '''Es gibt keine einzige technische Untersuchung und keinen Laborwert, womit sich ein primärer Kopfschmerz feststellen, sichern oder von einem anderen abgrenzen ließe.''' Damit ist auch gesagt, warum ein Provokationstest in der Diagnostik keinen Platz hat: Er könnte nichts beweisen, was das Gespräch nicht ohnehin zeigt — und er verursacht dabei sicher Schmerzen. | |||
Ebenso das Zitat aus der Klassifikation weiter oben: Es stammt aus der zweiten Ausgabe von 2004. Die dritte Ausgabe führt den Satz sinngleich weiter: „During a cluster period in 3.1.1 Episodic cluster headache, and at any time in 3.1.2 Chronic cluster headache, attacks occur regularly and may be provoked by alcohol, histamine or nitroglycerin."<ref name="ICHD3">[https://ichd-3.org/3-trigeminal-autonomic-cephalalgias/3-1-cluster-headache/ International Classification of Headache Disorders, 3. Ausgabe (ICHD-3), Abschnitt ''3.1 Cluster headache''], Kommentar zum Abschnitt, abgerufen am 21.09.2026.</ref> An dieser Stelle hat sich also in über zwanzig Jahren nichts geändert: Nitroglyzerin ist als Auslöser anerkannt — als Testverfahren nicht. | Ebenso das Zitat aus der Klassifikation weiter oben: Es stammt aus der zweiten Ausgabe von 2004. Die dritte Ausgabe führt den Satz sinngleich weiter: „During a cluster period in 3.1.1 Episodic cluster headache, and at any time in 3.1.2 Chronic cluster headache, attacks occur regularly and may be provoked by alcohol, histamine or nitroglycerin."<ref name="ICHD3">[https://ichd-3.org/3-trigeminal-autonomic-cephalalgias/3-1-cluster-headache/ International Classification of Headache Disorders, 3. Ausgabe (ICHD-3), Abschnitt ''3.1 Cluster headache''], Kommentar zum Abschnitt, abgerufen am 21.09.2026.</ref> An dieser Stelle hat sich also in über zwanzig Jahren nichts geändert: Nitroglyzerin ist als Auslöser anerkannt — als Testverfahren nicht. | ||
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== Externe Links == | == Externe Links == | ||
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* [ | * [https://www.gelbe-liste.de/pharmindex/wirkstoff/glyceroltrinitrat/ Gelbe Liste - Präparate, die den Wirkstoff Glyceroltrinitrat enthalten] | ||
* [http://www.kompendium.ch/Monographie.aspx?Id=231b02b5-a927-444c-bc73-75ed86a2aba9&lang=de&MonType=pi Patienteninformation des Arzneimittel-Kompendium der Schweiz®: Nitrolingual® Kapseln] | * [http://www.kompendium.ch/Monographie.aspx?Id=231b02b5-a927-444c-bc73-75ed86a2aba9&lang=de&MonType=pi Patienteninformation des Arzneimittel-Kompendium der Schweiz®: Nitrolingual® Kapseln] | ||
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== Literatur == | == Literatur == | ||
<div class="noprint"> | <div class="noprint"> | ||
* [ | * [https://www.ihs-klassifikation.de/de/ Olesen, Jes et al.: Die 2. Edition der Internationalen Kopfschmerz-Klassifikation der International Headache Society (IHS-ICHD-II, 2004)] | ||
* May A, Leone M, Áfra J, Linde M, Sándor PS, Evers S, Goadsby PJ.: EFNS guidelines on the treatment of cluster headache and other trigeminalautonomic cephalalgias. ''European Journal of Neurology.'' 2006; '''13''': 1066–1077. PMID 16987158, [http://www.efns.org/fileadmin/user_upload/guidline_papers/EFNS_guideline_2006_cluster_headache_and_other_trigeminal_autonomic.pdf PDF-Datei]. [ | * May A, Leone M, Áfra J, Linde M, Sándor PS, Evers S, Goadsby PJ.: EFNS guidelines on the treatment of cluster headache and other trigeminalautonomic cephalalgias. ''European Journal of Neurology.'' 2006; '''13''': 1066–1077. PMID 16987158, [http://www.efns.org/fileadmin/user_upload/guidline_papers/EFNS_guideline_2006_cluster_headache_and_other_trigeminal_autonomic.pdf PDF-Datei]. [https://doi.org/10.1111/j.1468-1331.2006.01566.x DOI] | ||
* Peters, GA.: Migraine: diagnosis and treatment with emphasis on the migraine-tension head-ache, provocative tests and use of rectal suppositories. ''Proc Staff Meet Mayo Clin.'' 1953; '''28'''(24): 673-86. PMID 13121092. | * Peters, GA.: Migraine: diagnosis and treatment with emphasis on the migraine-tension head-ache, provocative tests and use of rectal suppositories. ''Proc Staff Meet Mayo Clin.'' 1953; '''28'''(24): 673-86. PMID 13121092. | ||
* BT Horton: Histaminic cephalgia (Horton's headache or syndrome): provocative tests. ''Triangle.'' 1957 Jun; '''3'''(2): 66-71. PMID 13468040. | * BT Horton: Histaminic cephalgia (Horton's headache or syndrome): provocative tests. ''Triangle.'' 1957 Jun; '''3'''(2): 66-71. PMID 13468040. | ||
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* Hannerz J, Jogestrand T.: Chronic cluster headache: provocation with carbon dioxide breathing and nitroglycerin. ''Headache.'' 1996 Mar; '''36'''(3): 174-7. PMID 8984091. | * Hannerz J, Jogestrand T.: Chronic cluster headache: provocation with carbon dioxide breathing and nitroglycerin. ''Headache.'' 1996 Mar; '''36'''(3): 174-7. PMID 8984091. | ||
* [http://brain.oxfordjournals.org/cgi/reprint/120/2/283 Fanciullacci et al.: Responsiveness of the trigeminovascular system to nitroglycerine in cluster headache patients. ''Brain'' (1997), '''120''', 283–288 (PDF-Datei)] PMID 9117375 | * [http://brain.oxfordjournals.org/cgi/reprint/120/2/283 Fanciullacci et al.: Responsiveness of the trigeminovascular system to nitroglycerine in cluster headache patients. ''Brain'' (1997), '''120''', 283–288 (PDF-Datei)] PMID 9117375 | ||
* Christiansen I, Iversen HK, Olesen J.: Induction of nitrate tolerance is not a useful treatment in cluster headache. ''Cephalalgia.'' 2000; '''20'''(5): 445-454. PMID 11037740. | |||
* Costa et al.: Nitric oxide pathway and response to nitroglycerin in cluster headache patients: plasma nitrite and citrulline levels. ''Cephalalgia.'' 2003 Jul;'''23'''(6):407-13. PMID 12807519. | * Costa et al.: Nitric oxide pathway and response to nitroglycerin in cluster headache patients: plasma nitrite and citrulline levels. ''Cephalalgia.'' 2003 Jul;'''23'''(6):407-13. PMID 12807519. | ||
* Sances G, Tassorelli C, Pucci E, Ghiotto N, Sandrini G, Nappi G.: Reliability of the nitroglycerin provocative test in the diagnosis of neurovascular headaches. ''Cephalalgia.'' 2004 Feb; '''24'''(2): 110-9. PMID 14728706. | * Sances G, Tassorelli C, Pucci E, Ghiotto N, Sandrini G, Nappi G.: Reliability of the nitroglycerin provocative test in the diagnosis of neurovascular headaches. ''Cephalalgia.'' 2004 Feb; '''24'''(2): 110-9. PMID 14728706. | ||
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* {{Cite journal | last1 = Maniyar | first1 = FH. | last2 = Sprenger | first2 = T. | last3 = Monteith | first3 = T. | last4 = Schankin | first4 = C. | last5 = Goadsby | first5 = PJ. | title = Brain activations in the premonitory phase of nitroglycerin-triggered migraine attacks. | journal = Brain | volume = 137 | issue = Pt 1 | pages = 232-41 | month = Jan | year = 2014 | doi = 10.1093/brain/awt320 | PMID = 24277718 }} | * {{Cite journal | last1 = Maniyar | first1 = FH. | last2 = Sprenger | first2 = T. | last3 = Monteith | first3 = T. | last4 = Schankin | first4 = C. | last5 = Goadsby | first5 = PJ. | title = Brain activations in the premonitory phase of nitroglycerin-triggered migraine attacks. | journal = Brain | volume = 137 | issue = Pt 1 | pages = 232-41 | month = Jan | year = 2014 | doi = 10.1093/brain/awt320 | PMID = 24277718 }} | ||
*{{cite journal |author=Pedersen SH, Ramachandran R, Amrutkar DV, Petersen S, Olesen J, Jansen-Olesen I |title=Mechanisms of glyceryl trinitrate provoked mast cell degranulation |journal=Cephalalgia |volume= |issue= |pages= |year=2015 |pmid=25724914 |doi=10.1177/0333102415574846 |url=}} | *{{cite journal |author=Pedersen SH, Ramachandran R, Amrutkar DV, Petersen S, Olesen J, Jansen-Olesen I |title=Mechanisms of glyceryl trinitrate provoked mast cell degranulation |journal=Cephalalgia |volume= |issue= |pages= |year=2015 |pmid=25724914 |doi=10.1177/0333102415574846 |url=}} | ||
* Möller M, Haji AA, Hoffmann J, May A.: Peripheral provocation of cranial autonomic symptoms is not sufficient to trigger cluster headache attacks. ''Cephalalgia.'' 2018; '''38'''(8): 1498-1502. PMID 29082823. | |||
* Vollesen ALH, Snoer A, Beske RP, Guo S, Hoffmann J, Jensen RH, Ashina M.: Effect of Infusion of Calcitonin Gene-Related Peptide on Cluster Headache Attacks: A Randomized Clinical Trial. ''JAMA Neurol.'' 2018; '''75'''(10): 1187-1197. PMID 29987329, [https://europepmc.org/articles/PMC6233850 frei zugänglich]. — Dazu der Kommentar von Gelfand AA, Goadsby PJ.: Cluster Headache and Calcitonin Gene-Related Peptide - More on Quantum Therapeutics in Headache Medicine. ''JAMA Neurol.'' 2018; '''75'''(10): 1179-1180. PMID 29987331. | |||
* Wei DY, Goadsby PJ.: Comprehensive clinical phenotyping of nitroglycerin infusion induced cluster headache attacks. ''Cephalalgia.'' 2021; '''41'''(8): 913-933. PMID 33615843, [https://europepmc.org/articles/PMC8217894 frei zugänglich]. | |||
* Wei DY, O'Daly O, Zelaya FO, Goadsby PJ.: Areas of cerebral blood flow changes on arterial spin labelling with the use of symmetric template during nitroglycerin triggered cluster headache attacks. ''Neuroimage Clin.'' 2022; '''33''': 102920. PMID 34972033, [https://europepmc.org/articles/PMC8724947 frei zugänglich]. | |||
* Petersen AS, Lund N, Meßlinger K, Christensen SL, Barloese M, Jørgensen NR, Kogelman L, Jensen RH.: Reduced plasma calcitonin gene-related peptide level identified in cluster headache: A prospective and controlled study. ''Cephalalgia.'' 2024; '''44'''(3): 3331024231223970. PMID 38436282. | |||
* Gonzalez-Martinez A, Wei DY, Karsan N, Nagaraj K, Gosalia H, Goadsby PJ.: Evaluation of premonitory spontaneous and nitroglycerin triggered symptoms among patients with cluster headache and migraine. ''Cephalalgia.'' 2025; '''45'''(4): 3331024251331554. PMID 40302046. | |||
* Kamm K, Angelhuber M, Le Prince AM, Straube A, Ruscheweyh R.: Tear Fluid Calcitonin Gene-Related Peptide Levels Are Elevated in Glycerol Trinitrate-Induced Cluster Headache Attacks: Results From an Exploratory Study. ''Eur J Neurol.'' 2026; '''33'''(9): e70745. PMID 42706894, [https://europepmc.org/articles/PMC13551003 frei zugänglich]. | |||
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